Sonntag, 12. Juni 2022

Verschiedene Weisen der Befassung mit Philosophie

X., ein Kollege und Freund aus der Zeit des Philosophiestudiums, gestand mir vor langer Zeit, bei ihm sei es so: Wenn er den Text eines Autors lese, so stimme er dessen Argumenten zu und teile darum dessen Sicht der Dinge. Lese er ein Text eines anderen Autors, stimme er dessen Argumenten zu und vertrete dessen Auffassungen. Wovon er gerade überzeugt sei, hänge also davon ab, wen und was er zuletzt gelesen habe. Das war sicher auch ein bisschen selbstironisch gemeint, kam mir aber damals schon merkwürdig vor.
Wenn ich seither X., der zwar sein Studium formell abschloss, aber in den Jahrzehnten danach beruflich nichts mehr mit Philosophie zu tun hatte, gelegentlich traf und wir uns länger unterhalten konnten, erzählte er mir zuweilen von einer philosophischen oder historischen Lektüre, die ihn beeindruckt hatte. Wenn ich dann auf seine Erzählung hin (denn fast nie hatte ich das zur Rede stehende Buch selbst gelesen) etwa Kritik übte und einen Einwand formulierte, bemerkte ich einen Unwillen bei X. Es war wohl so: Ihm hatte das Buch gefallen, das wollte er sich von mir nicht kaputtmachen lassen.
An X. und seine für mich merkwürdige Haltung musste ich unlängst denken, als ich über zwei verschiedene Weisen der Beschäftigung mit Philosophie nachdachte: Die derjenigen, die philosophische Texte lesen, um in Erfahrung zu bringen, was ein bestimmter Philosoph gedacht hat. Und die derjenigen, die das wissen wollen, um in Erfahrung zu bringen, was sie selber denken. X. ordne ich dem ersten Typus zu, mich dem zweiten.
Philosophieren um der Philosophie willen oder Philosophieren um der Sache willen, könnte man auch sagen. Verstehen wollen, was Texte besagen, oder verstehen wollen, was Sache ist. Ein historisch-philologischer Ansatz oder ein existenzielles Bedürfnis.
Im Akademischen wird nur das Erste gelehrt. Empirie und damit Realitätsbezug wird durch in Zitaten und Fußnoten zu dokumentierende Kenntnis der einschlägigen Literatur und des aktuellen Standes der der Debatte ersetzt. Es geht nicht darum, ob diese oder jene Behauptung dieses oder jenes Autors stimmt ― wie sollte man das auch entscheiden? ―, sondern was andere dazu geschrieben haben oder (rückblickend) dazu geschrieben haben könnten. Die Äußerung eigener Gedanken, die über philologische Glossen und eine vorsichtige Gewichtung fremder Argumente hinausgeht, ist verpönt. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, sagte Sokrates. Der Fachphilosoph von heute sagt: „Ich weiß, was wer zu was gesagt hat.“
Selbstdenken ist geradezu laienhaft. Überlege nicht, was du denkst (und ob es stimmt), sondern finde heraus, was bereits dazu geschrieben wurde und wie die Fachwelt das derzeit einschätzt. Jeder Gedankengang muss durch einen Literaturverweis abgesichert werden, sonst gilt er nicht. Ernst genommen und für eine Karriere auch nur in Aussicht genommen werden kann man jedenfalls nur, wenn man sich zum Zwerg auf den Schultern von Riesen macht. Nur wer beweist, dass er anderer Leute Gedanken verarbeitet hat, kann auch schon mal originell sein, was die Resultate betrifft. Aber Vorsicht! Nur nicht den Eindruck erwecken, was man äußere, sei irgendwie von anderer als rein akademischer Bedeutung.
Wie man so philosophieren kann, nein, vielmehr: warum man so philosophieren will, habe ich nie verstanden. Philosophiert man nicht aus einem Drang heraus, etwas, das man nicht versteht, doch noch verstehen zu wollen? Oder zu verstehen, warum an es nicht versteht? Geht es nicht um die „Wirklichkeit“, zumindest um die des Redens, Meinens und Vorstellens? Geht es nicht um Wahrheit? Soll daraus nichts folgen? Lebt man sein Leben, wenn man philosophisch arbeitet, genauso, wie wenn man es (von der Arbeit abgesehen, die auch eine ganz andere sein könnte) nicht täte? Hat Philosophie keine Bedeutung für die eigene Existenz? Keine, außer das Vergnügen interessanter Lektüreerlebnisse und die Genugtuung, gegebenenfalls seine intellektuelle Kapazität zu beweisen?
So möchte ich nicht philosophieren. So philosophiere ich nicht. Eine Philosophie, die sich nur noch mit Philosophie beschäftigt und jeden nicht-opportunistischen (karrierefördernden oder marktdienerischen) Bezug zu Außerphilosophischem verloren ― oder nie gesucht und gefunden ― hat, interessiert mich nicht. Auch Philosophie als intellektuelles Hobby, als unverbindliches Lesevergnügen und beiläufiges Gedankenspiel ist mir fremd und eigentlich zuwider.
Es muss doch etwas Drittes geben, was weder in hohler Selbstbezüglichkeit verkümmertes akademisches Ritual ist noch unverbindliches Schwafeln, selbstgefälliges Räsonnieren und unbedarftes Philosophastern. Ich rede nicht einer philosophischen Naivität das Wort, die immer wieder bei Null beginnen will (oder muss), denn Philosophie hat eine vielfältige Geschichte, deren Kenntnis lohnend ist, bevor oder während man sich an eigene Auseinandersetzungen mit philosophischen Themen macht; und sie bietet ein differenziertes und dynamisches begriffliches Instrumentarium, in dessen Gebrauch man sich erprobt haben sollte, bevor man ihn aus welchen Gründen auch immer verwirft oder neue Anwendungen ausprobiert.
Um grundsätzlich und umfassend verstehen zu wollen, was ist und was sein könnte und was darüber gedacht wurde und wird, was ist und sein könnte, ist nahezu jedes Mittel Recht. Philosophen befassen sich, wenn es gut geht, auf sehr persönliche Weise mit sehr universellen Angelegenheiten. Anschlussfähigkeit an Früheres und Gegenwärtige wird da zum wichtigen Anlass zur Selbstkritik. Man versteht in Wahrheit nur das, was man anderen verständlich machen kann.
Aber warum will man verstehen und verständlich machen? Was gehen einen die universellen Themen und Grundsatzfragen an? Wer sich damit beschäftigt, entfremdet sich dem sogenannten Alltag und seinen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten. Warum aber tut man das? Den Philosophieren muss es doch offensichtlich um etwas gehen, was mehr ist als Anerkennung oder Spaß, Denkwarenhandel oder Hirnakrobatik. Philosophie muss existenziell sein, sonst ist sie belanglos. Ja, es geht um Leben und Tod. Was, wenn nicht das, sind die entscheidenden Gegenstände des Philosophierens?
Man kann es gewiss auch weniger dramatisch formulieren. Aber die persönliche, die existenzielle Komponente, die fundamentale, wenn man so will, ist nicht zu übersehen. nicht bei denen, die man ernst nehmen kann. Ohne jemanden, der philosophiert, findet kein Philosophieren statt. Dem, der philosophiert, geht es um etwas, sonst täte er es nicht. Wenn es ihm nicht auch um sich selbst geht, scheint er etwas übersehen und missverstanden zu haben. Sobald es beim Philosophietreiben nur noch um das Verstehen dessen geht, was andere gesagt haben, ohne zu fragen, was das, was man da verstanden zu haben meint, mit dem eigenen Denken, also einem selbst macht, ist Philosophie sinnlos. ― Ich muss mal wieder X. anrufen, ihn treffen und fragen, ob er in letzter Zeit etwas Interessantes gelesen hat.

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