Freitag, 19. März 2021

Nicht nur zu Besuch

Bei Gott brennt noch Licht. Er ist also zu Hause und du kannst jederzeit bei ihm vorbeischauen. Du wirst ihn nicht stören, denn er wird dich erwartet haben und sich freuen, dass du dich endlich einmal blicken lässt. Er wird sich Zeit für dich nehmen, viel Zeit, wird ganz für dich da sein, dir zuhören und dir, wenn du es möchtest, seine Hilfe anbieten.
Oder aber er könnte zu dir kommen. Ja, er ist schon da, er steht vor deiner Tür, du musst ihn nur noch hereinlassen.
Oder noch einmal anders: Er wohnt schon die ganze Zeit über bei dir, das ist dir nur bisher nicht aufgefallen, weil er nicht aufdringlich ist, nicht lästig, nicht störend, weil er nicht lärmt und nicht schmutzt und nur sehr wenig Platz beansprucht. Die ganze Zeit über war er bei dir und war doch in keiner Weise eine Belastung oder Einschränkung für dich. Im Gegenteil. Du hast nur nicht darauf geachtet, weil du mit so schrecklich vielem anderen beschäftigt warst. Aber wenn du jetzt darüber nachdächtest, kämst du darauf, dass er sich die ganze Zeit um dich gekümmert hat.
Vielleicht allerdings wolltest du ihn auch einfach nicht bemerken, hast weggeschaut und getan, als wäre nichts, weil du dir eingeredet hast, dass du auch alleine mit allem fertig wirst. Zumindest wolltest du das.
Nur manchmal, wenn doch einmal nicht alles gut ging, wenn dir etwas gründlich misslang, wenn du versagt hattest, wenn dir etwas Schlimmes widerfuhr oder immerhin drohte, wenn dich jemand enttäuscht hatte, wenn du traurig warst, verzweifelt, ein Häufchen Elend, voller Selbstmitleid, dann also hast du dich manchmal doch gefragt, ob er nicht vielleicht … Ob er da ist? Ob er nicht vorbeischauen könnte? Ob er nicht vielleicht etwas für dich tun könnte?
Aber das ging vorüber. Später dann hast du ihn, wenn überhaupt, immer wieder an der falschen Stelle gesucht, hast von ihm etwas erwartet, was du gar nicht gebraucht hast, hast aus ihm etwas gemacht, was er nicht ist, hast dir den Zugang zu ihm mit Vorstellungen verstellt, die weder mit dir noch mit ihm etwas zu tun haben. Er hingegen war da, genau hier bei dir, die ganze Zeit über, er war nie weg, er ist immer bei dir geblieben. Er hat auch dann für dich gesorgt, wenn du ihn nicht wahrhaben wolltest.
Wäre es jetzt nicht an der Zeit, dass du dich mal um ihn kümmerst? Er ist schon sehr alt, und manche sagen, dass er es nicht mehr lange machen wird. Was freilich nicht stimmen muss. Überhaupt erzählen die Leute allerhand komische Dinge über ihn. Er sagt dazu nichts, aber du weißt ohnehin, dass das alles Unsinn ist. Dass es darauf nicht ankommt. Dass es nur auf ihn und dich ankommt. Das ihr gut miteinander könnt. Dass mit ihm alles besser ist als ohne ihn. Dass du nicht willst, dass er weggeht. Dass er nicht will, dass du willst, dass er weggeht. Dass ihr zusammenbleiben werdet. Hoffentlich für immer.
Du wirst dich schon mit ihm arrangieren. Er verlangt ja nicht viel von dir. Nur das, was du selbst von dir verlangen würdest, wenn du wüsstest, was er weiß. Andererseits ist das, was er will, im Grunde alles, denn was er will, bist du und jeder andere. Auch du sollst jeden anderen wollen. Nicht haben, sondern sein lassen.
Du selbst wohnst hier ja nur, weil er hier wohnt. Anders gesagt, wo er wohnt, da sollst auch du wohnen. Ihr passt gut zusammen. Vielleicht musst du das erst lernen. Aber dann, wenn du es begriffen haben wirst, wird es für immer sein. Für immer und ewig.

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