Freitag, 16. Oktober 2026

Marxismus und Sozialismus

Anderthalb Jahrhunderte Marxismus haben nicht nur nicht zu Sozialismus geführt ― jedenfalls zu keinem, der diesen Namen verdient ―, sondern den Begriff des Sozialismus auch noch diskreditiert. Viele verbinden damit Unfreiheit, Enteignung, mangel, Willkür, Gängelung, Unfähigkeit und Versagen. Abseits ihrer verquasten Theorien mit sehr geringem diagnostischen gering und ohne jeden prognostischen Wert, haben Marxisten in der Praxis (also ob sie nun zur Herrschaft gelangten oder nur in opferreichen Kämpfen danach strebten) nur Gewalt zu Stande gebracht, Terror, Unterdrückung, Zerstörung, Lüge und falsche Versprechungen. Der Marxismus hat sich, in all seinen Spielarten, die irgendwo an die Macht kamen, als unfähig und unwillig erwiesen, Gleichheit und Freiheit zuzulassen, Gerechtigkeit zu fördern, menschliche Würde und menschliches leben zu schützen und ohne Propaganda, Manipulation, Drohung und allerhand Arten von Brutalität auszukommen. Der „Sozialismus“, den die Bolschewiki (also der Marxisten à la Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot usw.) ihren Untertanen aufzwangen, war keine Vergesellschaftung, sondern eine gewaltsame Verstaatlichung, faktische Eigentümerin der Produktionsmittel war die Partei, also deren oberste Führung. Die so installierte Kommandowirtschaft war so wenig Sozialismus wie ein Konzentrationslager ein Freizeitpark ist. Es ging nicht darum, mittels gemeinsamen Eigentums und gemeinsamen Planens zu Selbstbestimmung und Wohlstand zu gelangen, sondern das Ziel war ausschließlich die Machtdurchsetzung, der Machterhalt, die Machtausweitung einer kleinen, um einen Diktator gescharten Clique. Weil der Marxismus immer schon eine autoritäre Ideologie war, war auch nichts anderes zu erwarten. Marx und Engels fehlten nur die Machtmittel, also im Wesentlichen Bürgerkrieg, Genickschuss und GULag, zur Durchsetzung gegen ihre Feinde, die ihnen zu widersprechen wagten, deshalb mussten sie auf Rhetorik, Verleumdung und Intrige zurückgreifen. Einmal am Ruder aber, nutzt die Marxisten den Staat ohne jedes Bedenken für Massenmord und Versklavung. Das also lehrt die Geschichte: Marxismus und Sozialismus sind unvereinbar.

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Flüchtlingskrise, welche Flüchtingskrise?

Was genau ist eigentlich eine „Flüchtlingskrise“? Die Leute verwenden diese Ausdruck, als entspräche ihm eine unbezweifelbare Realität, eine allseits bekannte Tatsache. Wie aber ließe sich derlei überhaupt beobachten? Gar messen? Oder jedenfalls sachgerecht von nicht krisenhaften Phänomenen der Migration unterscheiden?
Geht es denn wirklich um Mengen, um Zahlen? Darum, wie viele Menschen auf der Flucht sind? Wie viele schon irgendwo angekommen sind? Darum, wie viele noch kommen könnten? Welche Zahl wäre in diesem Zusammenhang zu groß, welche zu klein, welche gerade richtig? Lässt sich das denn berechnen? Oder wenigstens begründet schätzen? Inwiefern kommt es auf solche Zahlen überhaupt an? ― Würde man zum Beispiel bei einem Verkehrsunfall mit Verletzten sagen: Nein, das sind jetzt zu viele, die können wir nicht alle versorgen, dafür haben wir nicht genügend Sanitäter, Notärzte, Rettungswagen, Krankenhausbetten, wir legen da also eine Grenze fest, wie wie vielen wir helfen, behandeln vorzugsweise die, die zu uns passen, und der Rest soll erst einmal liegen bleiben und sich vor Ort um sich selbst kümmern? Oder wäre man nicht bemüht, über jede Belastungsgrenze hinaus, Wunden zu versorgen, Schmerzen zu lindern, Leben zu retten?
Geht es bei Flüchtlingen und ihrer Aufnahme denn tatsächlichen um Kapazitäten? Wer erfasst diese, wertet sie im Zusammenhang aus, kann sagen, wo die Höchstgrenzen liegen? Geht es um Unterkünfte, Lebensmittel, Medikamente, Kleidung, Spielzeug? Um alle möglichen Hilfsleistungen? Um Kindergärten und Schulen? Gibt es zu wenig Bibliotheken, Freizeitparks, Zirkusse? Geht es um die Kapazitäten der Bürokratie? Gibt es zu wenig Formulare für alle? Fehlt es an Stempelkissen? Oder sind die verschieden Sprachen ein Problem? Können Flüchtlinge keine Fremdsprachen? Gibt es zu wenig Übersetzer? Sind Übersetzungsprogramme (schriftlich oder akustisch) zu unausgereift?
Wie wäre eine Diskussion darüber rein sachlich zu führen? Wie viele Menschen kann man aufnehmen, wenn wie viele Menschen schon da sind? Wenn eine Gesellschaft so und so reich ist und ihre Infrastruktur in dem und dem Zustand? Wie viel darf ein Mensch, der hierher geflüchtet ist, die Einheimischen kosten? Was ist ihnen sein Leben, seine Würde, sein Wohlergehen wert? Das Geld ist ja offensichtlich da, aber wer hat es und wer will es beschaffen? Viele Fragen und viel Aufwand.
Daran stimmt etwas Grundsätzliches nicht. In der gewöhnlichen Perspektive sind Flüchtlinge passive Objekte der Praktiken und Regeln der Aufnahmegesellschaft. Diese und nur diese definiert Kriterien, Anforderungen, Ziele. Menschen, die es geschafft haben, auf ihrer Flucht Tausende von Kilometern unter unvorstellbar schweren Bedingungen zu bewältigen, werden plötzlich zum handlungsunfähigen und stummen Zuschauern ihres von anderen über sie verfügten Schicksals gemacht. Es gilt die Regel: Man muss diesen Leuten alles vorsagen, vorschreiben, zuweisen. Sie sind lediglich Empfänger. Ihre Bedürfnisse werden von anderen festgelegt, ihre Wünsche und Ängste zählen nicht und ihre Geschichten spielen nur eine Rolle als von anderen interpretierte Elemente eines Verfahrens. Ihren Sprachen gelten nichts, man kann kaum mit ihnen sprechen, schon gar nicht ihnen zuhören. Was sie ab jetzt tun, wird tendenziell als Störung und Bedrohung interpretiert. Was sie sagen, tendenziell als Lüge. Sie sind ein Kostenfaktor. Eine Drohkulisse.
Auf diese Weise werden Umstände und Schwierigkeiten herbeiverwaltet, die es nicht gäbe, wenn die öffentlichen Hände nicht auf Entmündigung und Ignoranz trainiert wären. Schon der Bürger ist den Behörden eine Belästigung und ein abzuwehrender Bittsteller, um wie viel mehr der Fremde, der besser gar nicht hier wäre und nichts zu sagen hat. Es geht auf diese Weise nicht darum, Lösungen zu finden (schon gar nicht gemeinsam), sondern darum, Normen durchzusetzen (koste es, was es wolle).
Eine „Flüchtlingskrise“ ergibt sich also nicht aus einem berechenbaren Übermaß, das auf einen unvorhersehbaren Mangel trifft. Es gibt sie nicht als Tatsache, sondern nur als Interpretation. Die merkbaren Probleme werden nicht von den Hinzukommenden eingeschleppt, sondern beruhen aus dem bereits vorhandenen Staatsversagen und dieses auf dem Unwillen der demokratisch legitimierten Politiker, ein funktionierendes Gemeinwesen für alle zuzulassen. Sie regieren für den Reichtum der Reichen und das Ruhigstellen aller anderen.
„Flüchtlingskrise“ ist eine irrationale Vokabel, die Stimmung machen soll. Es sind einfach zu viele. Die schon da sind und die noch kommen wollen. Viel zu viele. Das schaffen wie nicht. Das kann keiner von uns verlangen. Das überfordert unsere Möglichkeiten. und unsere Bereitschaft. Das nimmt uns etwas weg. Das bereitet uns Unbehagen. Die sind viel zu anders. Da könnte sich etwas für uns ändern.

Montag, 12. Oktober 2026

Überlegungen zur Jugend von heute

Die Jugend von heute, das sind die, über die die Jugend von gestern nur den Kopf schütteln kann.
 
Wenn die anderen jung sind, ist man selbst es nicht mehr. Das ist unverzeihlich.
 
Die Jugend von heute, das sind schubweise immer andere. Aber immer sind es unverantwortliche, unerfahrene, ungebildete, rechthaberische Nervtöter mit schlechtem Geschmack.
 
Der Geschmack der heutigen Jungend ist grundfalsch, weil er so perfekt ist. Weil sie ihn schon fix und fertig erwerben. Weil sie gar keinen haben, sondern nur simulieren.
 
Ich selbst war nie jung, sage ich immer. Weshalb ich weder die heutige Jugend verstehe noch irgendeine andere und sowieso dagegen bin.
 
Mir kommen die jungen Leute oft so verwaschen, so schwammig, so teigig vor. Selbst dort, wo alles vorschriftsmäßig wohldefiniert ist. Oder besonders dort.
 
Wie man bloß so lasch und prall zugleich sein kann.
 
In Wahrheit pickelig, haben sie geradezu übertrieben glatte Haut. Und die schreit wohl nach Tätowierungen.
 
Auch als Kulturpessimist kann ich nur ungläubig staunen, mit welcher Vehemenz die einen enthemmten Konsumismus praktizieren, die noch nicht geboren waren, als ich mir diese Vokabel zu eigen machte.
 
Haben ist Sein und Sein ist Haben: Wer besitzt, was ihn ausmacht, ist ungefähr genau der, der er sein muss. Die rasche Folge der Versatzstücke hat als Fortschritt zu gelten. (Er ist hier selbstverständlich vor allem auch sie.)
 
Man muss sich immer in Erinnerung rufen: Wie jede Mode wird auch diese vergehen. Was wohl den Fanatismus erklärt, mit dem sie befolgt wird.
 
Aus der seit langem vorhergesagten, ja nachgerade versprochenen Androgynität ist immer noch nichts geworden. Äußerlich ist der Geschlechtsunterschied merkbar wie eh und je. Und erstaunlicherweise sogar in den „Rollen“.
 
Die Ballerina-Prinzessin, dieser Kinderzimmertraum in Rosa, geht nahtlos über in die Influencerin, diese Verschmelzung von Ego, Reklame und Produkt zu einer leeren Hülle. Was unterdessen die Jungs machen, wenn sie nicht im Fitnessstudio sind, interessiert keinen. (Wichsen?)
 
Sie wissen nichts, aber alles besser. Das konnte man immer schon sagen, aber heute soll es mehr denn je stimmen.
 
An ihren Selbstverständlichkeiten sollt ihr sie erkennen, was sie nicht in Frage stellen, macht sie aus. Das stimmt heute noch wie früher schon.
 
Was man weiß, ist ein Ding unter anderen, auf den Tauschwert kommt es an.
 
Ich verträte diese bestimmte Meinung, weil ich eben Ü50 sei, erklärte mir einer, der selbst U30 war. Ach, Herzchen, ich war dieser meiner Meinung schon, als ich so alt war wie du, und ich konnte sie sogar ohne Internet begründen.

Sonntag, 11. Oktober 2026

Rasche Notiz über die Verhältnisse

Das Staatsversagen ist kein Zufall. Auch die Unfähigkeit der Politiker nicht. Nicht alles ist bis in Kleinste geplant. Aber die Richtung stimmt. Wenn alles funktionierte, wenn jeder zu seinem Recht käme, wenn all der Unsinn aufhörte, wo käme man denn da hin? Es muss so sein, dass alles holpert und stolpert, zwickt und schlabbert, ruckelt und zuckelt und sich in die Länge zieht, weil der Staat nicht für seine Untertanen arbeitet, sondern diese für dessen Auftraggeber. An einem Gemeinwesen mit Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Wohlergehen für jedermann, besteht überhaupt kein Interesse. Es ist so langweilig wie wahr: Die Reichen sollen noch reicher werden, auf Kosten aller. Die Großen fressen die Kleinen. Und der Staat hält die in Schach, gegen deren objektive Interessen gehandelt wird. Ob als Diktatur (igitt) oder Demokratie (hurra) verhindert die organisierte Gewalt, dass die Menschen sich selbst um ihre Angelegenheiten kümmerten und dabei zu anderen Ergebnissen kämen als ihre Ausbeuter. Und das wird so bleiben, bis man es ändert. Aber wer will das schon? Es ist doch viel angenehmer, brav mitzumachen, sich anzupassen, genehmigten Spaß zu haben und sich ablenken zu lassen. Als immer rumzunörgeln und etwas Besseres als den Tod finden zu wollen.

Samstag, 10. Oktober 2026

Zwei kleine Freuden

Was stimmt nicht mit mir, dass ich mich Jahr für Jahr freue, wenn ich den Namen des oder der mit dem Literaturnobelpreis Gehrten noch nie zuvor gehört habe? Als ob meine betriebsferne Ignoranz verdienstlich wäre … Nun, immerhin muss ich mich nicht blutdruckerhöhend ärgern, weil ich die Ehrung verfehlt finde, wie es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, der Fall ist, wenn ich den Namen und sogar Geschriebenes kenne.
 
Ich finde es schäbig von mir, dass es mich freut, wenn X., ein akademisch diplomierter Germanist, „rote Beete“ schreibt (statt korrekt „Bete“). Irren ist menschlich (oder maschinell), und ein überzähliges E lässt nicht gleich Goethe den Frankfurter Hauptbahnhof besuchen.

Freitag, 9. Oktober 2026

Ich verstehe die Leute nicht

Ich gebe zu, ich verstehe die Leute nicht und habe sie auch nie verstanden. Das liegt selbstverständlich an mir, denn sie selbst scheinen ja sich und einander ganz wunderbar zu verstehen.
Unter anderem verstehe ich nicht, was die Leute daran so beglückt, einander das Leben schwer zu machen. Sie fordern Anpassung und passen sich selbst an, was sie nicht davon abhält, sich für Individualisten und geradezu Rebellen zu halten. Vielleicht meinen sie damit, dass sie sich an dir Regeln, die sie anderen auferlegt wissen wollen und deren Nichteinhaltung sie empört, selbst nicht halten.
Ich verstehe nicht, wie man sein Begehren und sein Glück an dem orientieren kann, was andere haben oder haben wollen. warum um Himmelswillen sollte man sich irgendeiner Mode unterwerfen? Die Leute halten ihren Konformismus, also ihr Bestreben, knapp hinter der Avantgarde des Konsums zu marschieren, für ein Zeichen der Überlegenheit. Sie wissen Bescheid und können sich etwas Leisten. In Wahrheit sind das alles Abzeichen der Beschränktheit und Unterdrückung.
Ich verstehe diese wahnsinnige Lust der Leute nicht, Scheiße zu fressen, frische, dampfende Scheiße und alte, eingetrocknete. Was man ihnen auch vorsetzt, sie schlingen es gierig hinunter: Musik, Literatur, Kunst, Einrichtung, Vergnügen, Hauptsache es ist wertlos und lenkt sie ab. Sie stopfen sich voll mit Unsinn und Bedeutungslosigkeit.
Ich verstehe diese allgemeine Bereitschaft zur Komplizenschaft nicht. Es gehört doch nicht viel dazu einzusehen, dass die Ausbeutung von Mensch und Natur Unrecht ist, unvernünftig und unheilvoll. Wie bringen die Leute es fertig, daran aktiv profitieren zu wollen? Welchen Wer hat materieller Reichtum, wenn man moralisch zurückgeblieben ist?
Ich verstehe die Ignoranz der Leute gegenüber metaphysischen Fragen nicht. Woher man kommt, wohin man geht, was das alles soll ― die existenzielle Dringlichkeit von Sinnfragen kann man doch nicht mit Spaß und Rausch übertünchen. Wie verkorkst muss man sein, um sich mit lauter Ausflüchten und Ausreden selbst in die Leere abzuschieben?

Donnerstag, 8. Oktober 2026

Rassismus statt Zuwanderung

Es gebe zu viel Zuwanderung, heißt es wieder und wieder. Aber wer bestimmt denn eigentlich, was zu viel ist oder was angemessen oder sogar zu wenig ist? Und anhand welcher Kriterien? Geht es denn überhaupt um um Berechnungen? Oder nicht viel eher um nicht messbare Gefühle? Und wenn es nicht um Quantitäten geht, sondern um Qualitäten, sind dann reale gemeint oder imaginäre?
Sind die Zuwanderer ein Problem, weil sie so und so viele statt so und so viele sind? Oder gelten sie als Problem, weil sie anders sind? Warum aber soll Andersheit überhaupt ein Problem sein? Ist denn, wer nicht so ist, wie man selbst zu sein meint, deshalb notwendig schlechter als man selbst? Gibt es an den Eingesessenen nichts auszusetzen, sodass an allem, was schlecht ist, die Zuwanderer schuld sein müssen?
Dass die Zuwanderer anders sind als die Eingesessenen, liegt in der Natur der Sache. Die Nichteinheimischen sind Fremde, und ein Fremder ist nun einmal fremd. Aber doch nicht sich selbst, sondern nur dem, der ihm fremd und dem er fremd ist. Aus der Sicht des Zuwanderers ist der Eingesessene der Fremde, der Andersartige. Doch diese Sicht interessiert im Allgemeinen nicht.
Verstände man, dass man einander fremd ist, wäre das eine Gemeinsamkeit. Etwas, worüber man sich verständigen könnte, wodurch man es aufhöbe. Warum hebt man stattdessen die Unterschiede hervor (oder erfindet sie), die trennen, und nicht die Gemeinsamkeiten, auf denen man aufbauen könnte? Weil man dazu zu Wort kommen lassen müsste, also erst einmal eine gemeinsame Sprache haben oder aber sich von Kundigen übersetzen lassen müsste.
Dazu aber müsste man zugeben, dass es nicht allein die Fremden mit ihren fremden Sprachen sind, die die Verständigung erschweren, sondern man selbst mit der Unkenntnis jener Sprachen. Warum jedoch sieht man darin, dass man die Sprachen der anderen nicht spricht, nur das Problem derer, die sie sehr wohl sprechen, statt es als ein gemeinsames Problem zu verstehen, das auch gemeinsam gelöst werden kann?
Warum macht man eigentlich aus der eigenen Sprache, also der Sprache der Eingesessenen, kein Angebot, um zu wechselseitiger Verständigung zu kommen, sondern fordert sie einseitig ein und zwingt sie als Druckmittel auf? Du musst unsere Sprache sprechen, weil wir deine Sprache nicht sprechen können, weil deine Sprache minderwertig ist. Niemand braucht deine Sprache. Es ist die falsche Sprache. Gib sie auf.
Der Zuwanderer gilt als die defekte Vorform des Eingesessenen. Er soll sich integrieren, also einfügen, in das Bestehende, wie es den Eingesessenen vertraut ist, um ein besserer Mensch zu werden. Unmöglich kann das, was an ihm fremd ist, das vertraute Bestehende in Frage stellen oder gar verbessern helfen. Der Zuwanderer bringt nichts mit, er kann nichts, nicht einmal die richtige Sprache, seine Geschichte, seine Gewohnheiten, seine Erwartungen sind nichts wert. An ihn sind Forderungen zu richten, er selbst wird als Fordernder und Herausfordernder wahrgenommen.
Hörte man hingehen den Zuwanderern (und Zuwanderungswilligen) zu, statt nur über sie zu reden, müsste man entdecken, dass sie sich gerade darin, was sie sich von Zuwanderung erhoffen, in nichts von denen unterscheiden, die nicht zuzuwandern brauchen, weil sie schon hier sind (und sich einbilden, immer schon hier gewesen zu sein).
Ein Leben in Sicherheit und Ruhe, ohne Gewalt, mit den vertrauten und geliebten Menschen, Gesundheit, sinnvolle Arbeit, ein bisschen Wohlstand und Lebensglück, Bildung und Aufstieg für den Nachwuchs, Bewahrung von Überliefertem und Freude an guter Nachbarschaft.
Nichts davon bedroht irgendwen. Im Gegenteil. Die Ähnlichkeit der Wünsche, das streben nach wenigstens bescheidenem Erfolg und respektvoll-gedeihlichem Miteinander wäre ein gute Grundlage für eine Gesellschaft, die als moderne zu Unverbindlichkeit und Bindungsarmut neigt.
Stattdessen wird Zuwanderung zum Problem stilisiert. Der Zuwanderer bringt nicht nur Probleme. Er ist ein Problem. Als ob er nicht bloß akzidentiell, sondern grundsätzlich anders wäre. Die Verkörperung der eigenen Andersheit. Das führt notwendig zur Leugnung seiner Mitmenschlichkeit, letztlich seiner Menschlichkeit überhaupt. Die Fremdenfeindlichkeit formiert sich als Rassismus: Die müssen weg (zur Not krepieren), damit wir leben können.
Die gewünschte Quantität der Zuwanderung ist dann null. Ob durchsetzbar oder nicht, schon die Idee ist wie ein Machtrausch. Die totale Abwertung des Fremden fungiert als Minimalkonsens der Selbstaufwertung. Wer nichts hat, was er an Gelingendem vorweisen kann, kann sich immer noch darauf berufen, immerhin nicht zugewandert zu sein. (Oder nichts mehr davon zu wissen.)

Notiz zur Zeit (272)

So geht Dschurnalismus: Die entscheidende Frage ist immer, ob Proteste friedlich sind. Auf Sachthemen hingegen darf man sich gar nicht erst einlassen. Irgendwas haben die Leute ja immer zu meckern. Aber Ausschreitungen? Feuerwerk? Verletzte oder beleidigte Polizisten?
 
Unterdessen sitzt Macron im Bunker und überlegt, ob er Wenck zum Premierminister ernennen soll.
 
Kollaps des Bildungssystems? Daran auch nur zu denken, ist Ruhestörung.

Bildung wollen sie? Was für Streber! Seht uns an, sagen die Alten, wir hatten auch keine Bildung, und, wie stehen wir heute da?
 
Unterdessen reiben sich die Nationalisten sich die Hände. Inkompetenz, Aufruhr, Gewalt, da kriegen die Leute so schön Angst ― und hübsch sind diese frechen jungen Leute auch noch! ―, dass sie ganz arg dumpf wählen möchten.

Drei Philosophen

Als ich damals nur recht wenig von X. wusste, fand ich ihn furchtbar. als ich dann jedoch später mehr über ihn erfuhr, fand ich ihn noch viel furchtbarer.
 
Immer wieder rühmte man mir im Laufe der Jahre Y. Mit dem müsse ich mich befassen, hieß es. Aber die Gründe der Begeisterung, die ich erraten zu können meine, machen es mir zur Gewissheit, dass ich um so weniger von Y. hielte, je mehr ich mich mit ihm beschäftigte.
 
Lange Zeit hatte ich Z. ignoriert, wohl wissend, was er vielen bedeutete. Ich kam gut ohne ihn aus. Nachdem ich mich nun aber doch einmal ein wenig auf ihn eingelassen habe, weiß ich mich darin bestätigt, dass ich Recht damit hatte, Z. zu ignorieren. Früher war er mir egal. Aber ab jetzt verabscheue ich ihn.

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Unzufriedenheit

Dass die Leute unzufrieden sind, steht außer Frage. Wie könnte man denn auch mit dem, was ist, zufrieden sein? Dazu müsste man ein Schwein sein, das von dem, was nicht sein soll, profitiert, dass also Scheiße baut und Scheiße verkauft und Scheiße frisst.
Unzufriedenheit ist ein Bedingung der Moderne diesseits des Profits, der Euphorie und Ablenkung. Wer nicht unzufrieden wäre, bekäme nicht mit, was Sache ist und seine Rolle darin. Unzufriedenheit wäre darum auch eine Bedingung, um zu Einsicht zu gelangen und etwas verändern zu wollen.
Aber am schlimmsten sind darum die, die die damit zufrieden sind, unzufrieden zu sein. Die sich in ihrer Unzufriedenheit eingerichtet haben und deshalb gar keine wirkliche Veränderung wollen, die im Gegenteil die Unzufriedenheit brauchen, um wie gewohnt weiterzumachen, um alles so zu lassen, wie es ist, oder es schlimmer werden zu lassen, weil ihre Unzufriedenheit neue Nahrung braucht. Auch diese Konformisten des Ressentiments sind Profiteure, die unzufrieden sind, weil sie funktionieren, und die funktionieren, weil sie unzufrieden sind.
Unzufrieden kann jeder Dummkopf sein. Aber wem nützt seine Unzufriedenheit? Wer nützt seine Unzufriedenheit, um etwas zu ändern? Dazu, etwas zum Besseren zu verändern, statt aus Groll und Lebensleere heraus weiterzumachen und alles noch übler werden zu lassen, bis aus Unzufriedenheit Verzweiflung und aggressiver Nihilismus wird, der ganz zufrieden damit, wenn alles kurz und klein geschlagen wird?
„Rechts“ zu wählen ist Terrorismus von unten. Der nicht mit Bomben und Geiselnahmen operiert, sondern mit dem Wahlzettel. Aber mit einer vergleichbaren Lust am Schrecken, am höhnischen Machtgefühl der Selbstgerechten, die nichts bewirken als Feindschaft, Unrecht, Mord und Drohung. Wählen, damit nichts besser wird. Aber vielleicht irgendwie doch anders, nämlich die eigene Wut und zugleich das Überlegenheitsgefühl imaginärer Gemeinschaftlichkeit bestätigend. Wir sind wer und es liegt an uns. Und wenn alle dabei draufgehen.
Noch schlimmer als die mit der Unzufriedenheit Zufriedenen sind also die, die mit dieser selbstgefälligen Unzufriedenheit sehr zufrieden sind, weil sie von ihr profitieren. Die nämlich ein Geschäftsmodell darauf gründen, Ressentiments zu stimulieren und kollektiven Willen zur Destruktion in Wählerstimmen zu transformieren. Das sind die eigentlichen Schweine, die die armen Schweine Scheiße fressen lassen, um selbst besser an den Trog der Macht zu kommen.

Dienstag, 6. Oktober 2026

Die Zukunft war früher besser

Als einst die Optimisten darüber phantasierten, wie herrlich es werden würde, wenn erst die Maschinen den Menschen die Arbeit abnähmen, da ging es um schwere, gefährliche, schmutzige, geistlose und entwürdigende Tätigkeiten. Die sollten, so der Wunsch, den Robotern vorbehalten sein, während die Menschen, sofern sie überhaupt noch arbeiten wollten, ihr kreatives Potenzial frei und lustvoll entfalten sollten.
Doch seltsam: Heutzutage, wo die Robotik auch in Fabriken weit fortgeschritten ist, arbeiten immer noch Menschen in Bergwerken, auf Ölfeldern, in Fabriken für Massenprodukte, als Kanalräumer und Straßenreiniger usw. usf. Von all den Bauern und Fischern in den wenig industrialisierten Weltgegenden ganz abgesehen.
Die sich früher schon über die Zukunft ganz genau Bescheid wussten, sagten für heute schon längst fliegende Autos voraus. Gekommen sind Fahrradkuriere, die essen ausliefern, ein Mangel an Ladestationen für E-Autos und eine in Dysfunktionalität versinkende Bahn.
Als große Errungenschaft unserer Zeit gilt es hingegen, dass sogenannte „künstliche Intelligenz“ den Menschen das Lesen und Schreiben abnimmt, längst auch das kreative, dass man im Kundendienst von Firmen und beim Zugang zu Behörden und anderen Instanzen von unnahbaren Programmen abgewimmelt wird, dass man mit realitätslosen Bildchen und Filmchen bespaßt und betrogen wird … Viele freuen sich auf Telemedizin und darauf, dass die Alten und Kranken von Robotern gepflegt werden, während man die Einsamen mit Roboterhaustieren, Roboterenkeln und Sexrobotern abspeist. ― Tapfere neue Welt der Zombies und ihrer maschinellen Herren!

Montag, 5. Oktober 2026

„Unsere Demokratie“

Man hat ihnen das Wahlrecht gewährt, aber sie haben nichts daraus gemacht. Außer das zu wählen, was nichts ändern. Und allenfalls noch Populisten, die alles noch schlimmer machen. Weder von den Unterschichten, der sogenannten Arbeiterklasse oder Frauen gingen jemals irgendwelche politische Impulse aus, die die Gesellschaft verändert und sich so von dem unterschieden hätten, was „weiße männliche Bürger“ auch so hinbekommen hatten.
Wir leben in einer Demokratie, heißt es immer. Da fragt man sich schon, warum zum Frauen, die sic doch immer für benachteiligt halten und darum Sonderrechte fordern, diese Forderungen immer an Männer richten, die sie ihnen erfüllen sollen, statt einfach entsprechend zu wählen. Sie sind doch in der Mehrheit.
Das Wahlrecht der Untertanen ist ein Mittel zu ihrer Beherrschung, sonst nichts. Indem man den Leuten einredet, sie selbst seien es ja, die alles entschieden, hält man sie davon ab, die wirklichen Entscheidungen derer in Frage zu stellen (oder sich auch nur bewusst zu machen), die wirklich an der Macht sind. Einer Macht, die nicht zur Disposition steht, schon gar nicht durch das Herumwählen der Untertanen.
Die real existierende Demokratie ist, könnte man sagen, eine Verschwörung zum Zwecke der Verhinderung freier, gemeinschaftlicher Selbstbestimmung ― also dessen, was Demokratie im Prinzip zu sein vorgibt,. in der Realität aber nicht ist. Es handelt sich um eine offen zu Tage liegende Verschwörung, die gerade darum unsichtbar bleibt, zumal berufsmäßige und sich selbst berufende Schwätzer unentwegt zu Ablenkungszwecken von Demokratie faseln, als ginge es dabei nicht um Entmündigung, Raub und Betrug, sondern um ernstzunehmende Verfahren, den „Volkswillen“ zu ermitteln und einzusetzen.
Real existierende Demokratie funktioniert nur dann im Sinne ihrer Erfinder und Betreiber, wenn es gelingt, die Leute dazu zu bringen, entgegen ihren Interessen zu wählen. Also nicht Solidarität, Gerechtigkeit, Umweltschutz, allgemeinen Wohlstand und freies Miteinander, sondern Konkurrenz, Ausbeutung, Zerstörung, Unterdrückung, Manipulation, Bespaßung und Ungleichheit.
„Unsere Demokratie“, sagt ihr, und ich lache. Aber es ist kein Scherz, stelle ich fest, ihr meint das ernst. Ihr glaubt wirklich daran, dass das politische System euer eigenes ist und um euretwillen funktioniert. An diesem Glauben haltet ihr fest und beschwört ihn, allen gegenläufigen Erfahrungen zum Trotz. Wobei für einen mündigen Menschen die entscheidende Erfahrung sein sollte, dass sich durch Wahlen nichts ändert. Dass man wählen kann, wen und was man will, dass dann aber irgendwelche korrupten, inkompetenten Statthalter des Kapitals regieren. Wer das nicht mitbekommen hat oder wer es leugnet oder herunterspielt, hat sein Wahlrecht völlig umsonst.

Tefaukritik: „Explosive Mischung“

Was genau will uns dieser trübe, zähflüssige, inhaltsarme „Tatort“ sagen? Dass man Jahrzehnte lang als Tefaukommissarin tätig sein kann, auch wenn man über nur anderthalb Gesichtsausdrücke verfügt? Dass Frauen, die sich von ihren Ehemännern und anderen Beischläfern schlagen lassen, dem nicht entkommen können, weil die Frauenhäuser überfüllt sind. Dass Jungpolizistinnen in ihrer Ausbildung nicht gelernt haben, einen bewaffneten Angreifer zu überwältigen, sondern sich an ihn klammern müssen wie an ihren Lieblingsteddy und dabei und danach herumheulen, als wäre ihnen ihr Handy schon wieder ins Klo gefallen? Dass für geschlagene Frauen die Lösung nur in Mord bestehen kann?
Ich nütze die Gelegenheit, um einmal mehr verpflichtende Selbstverteidigungskurse für Mädchen und Frauen zu fordern. Wer kein Zeugnis einer erfolgreichen Absolvierung vorweisen kann, muss sich von Männern fernhalten. Frauen, die sich schlagen lassen, verdienen kein Mitleid, sondern psychiatrische Behandlung. Sie sind Opfer, weil sie das sein wollen. Daran ändert die Täterschaft von Männern nichts. Solange das nicht anerkannt wird, ist das ganze Herumgejammer über Gewalt und Femizide realitätsfernes Geschwafel. Frauen, die sich nicht beizeiten selbst ermächtigen ― nicht durch Forderungen an Männer! ―, brauchen von Gleichberechtigung nicht zu reden. Oder soll die ein Geschenk der Männer sein?
Harte Worte? Wenn jemand seine Geldbörse offen sichtbar im Einkaufskorb spazieren trägt, lädt er Taschendiebe geradezu ein. Will das jemand bestreiten? Gewiss, der Dieb ist der Täter. Aber wer sich als Opfer anbietet, braucht auch nicht zu jammern, wenn er bestohlen wird. Er soll daraus lernen und sich in Zukunft schützen. Punkt.

Freitag, 2. Oktober 2026

Zum Funktionieren der Demokratie

Paradoxerweise funktioniert Demokratie gerade dann, wenn sie nicht funktioniert. Will sagen: Wenn durch korrekt ausgeführte demokratische Verfahren Parteien, Politiker und Politiken installiert werden, die nichts zur Lösung der wirklich anstehenden Probleme beitragen ― und in diesem Sinne dysfunktional sind ―, sondern die Probleme verschlimmern, Scheinprobleme zu bearbeiten vorgeben und insgesamt von insgesamt ablenken von den sich jeder demokratischen Verfügung machtvoll entziehenden, die gesellschaftliche Wirklichkeit aber bestimmenden Kräften und deren unheilvollen Absichten und Praktiken ― einer Ablenkung, die nun einmal die Funktion der Demokratie ist und glänzend erfüllt wird.
Wenn Wahlen etwas ändern könnten, wären sie verboten, lautet eine alte Einsicht, und man kann es auch so herum sagen: Weil die Demokratie verklärt wird, die meisten sich übers Wählendürfen freuen und es für ganz, ganz wichtig halten, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen, ändert sich nichts. Zur Wahl stehen nicht die, die das Wesentliche entscheiden, und was zur Wahl steht, ist unwesentlich.
Freie, allgemeine und gleiche Wahlen sind eine wunderbare Sache, wenn eine Diktatur gestürzt wurde und eine Gesellschaft sich für einen Neuanfang motivieren will. Demokratie ist besser als Diktatur, keine Frage, nur dass sie eigentlich gar nicht das ist, was die Leute wollen; oder wollen würden, wenn sie wirklich frei sein wollten. wenn sie ihre Leben ohne Zwang und ohne Unterdrückung zusammen mit gleichberechtigten anderen führen wollten.
Die meisten aber sind ohnehin ganz zufrieden mit der behäbigen Demokratie, für die sie sich immer wieder „entscheiden“ dürfen, auch wenn sie tatsächlich nichts entscheiden, weil sie die Systemfrage nicht stellen dürfen. Eine Demokratie aber, die mit Kapitalismus vereinbar ist, ja mehr noch: die diesem zuarbeitet und ihn absichert, ist nicht das, was manche glauben, das es mit Demokratie gemeint ist: gemeinsame Selbstbestimmung; denn Kapitalismus ist Ausbeutung, Unterdrückung, Zerstörung, Betrug und Manipulation. Anders funktioniert Kapitalismus nicht, und das heißt, dass als Hilfsmittel des Kapitalismus fungierende Demokratie, wenn sie funktioniert, dysfunktional ist wie das kapitalistische System insgesamt.
Verklärt wird die Demokratie auch und gerade von denen, die sie in Gefahr sehen, weil immer mehr Menschen das tun, was sie doch eigentlich sollen: sich eine Partei aussuchen und dieser ihre Stimme geben, weil sie von ihr regiert werden wollen. Aber den Freunden der bestehenden Demokratie ist dieses urdemokratische Verhalten auch wieder nicht recht, wenn die freie Wahlentscheidung darauf abzielt, sehr wohl etwas Grundsätzliches zu ändern. Weil Rechtspopulisten, Möchtegernfaschisten und Quasinazis gewählt werden, die das demokratische Votum dafür verwenden wollen, ihre autoritären und illiberalen Phantasien von Reinheit, Überlegenheit, Rücksichtslosigkeit, Ausschluss und Menschenverachtung auszuleben.
Auch das ist paradox: Demokratie gegen die zu verteidigen, die wählen und gewählt werden, weil sie falsch wählen und die Falschen sind. Dass die Leute nicht wählen sollen, wen sie wollen, sondern wählen sollen, wenn sie nach Meinung der Demokratieverteidiger allenfalls wählen dürfen, widerspricht das nicht eigentlich der Demokratie?
Man mag es also drehen und wenden, wie man will: Die einen wollen die wählen, die keine Demokraten sind und letztlich auch keine echten Wahlen wollen. Die anderen hätten gern, dass eine solche Wahl nicht möglich ist (etwa durch ein Parteiverbot), um durch staatliche Einschränkung der Wahlmöglichkeiten diese zu bewahren, auch wenn sie keine echte Wahl sind, weil faktisch nur das Weiterso gewählt werden kann.
Fazit: Wenn die Demokratie dysfunktional ist, also zu Problemlösungen nichts beiträgt (was naturgemäß auch fürs destruktive Rechtswählen gilt), funktioniert sie im Sinne ihrer Betreiber. Funktionierte sie aber richtig ― nämlich als echte Wahl samt der Möglichkeit, sich für anderes als das Bisherige und Fortwurstelnde zu entscheiden ―, wäre das für das System dysfunktional.

Tefaukritik: „Reif für die Insel“

Es gibt diese locker-leichten französischen Filmkomödien, die einfach nur ein Scheißdreck sind, eine Verschwendung von Ressourcen und eine Beleidigung fürs Publikum. „Les Cyclades“ (mit dem oben genannten, ebenso dämlichen wie darum passenden deutschen Titel) ist so ein Fall: unintelligent, von dürftigstem Humor, schlecht geschrieben, erwartbar gespielt, von dem leicht durchschaubaren Trick, das Auge der massentouristisch verblödeten Zuschauer mit dem landschaftlichen Elend hellenische Eilande zu erfreuen, nicht verbessert. Bis zum Ende habe ich die Zumutung nur deshalb geschaut, weil ich hoffte, dass der als dummer geiler Bock hingestellte Maler sich am Ende als französischsprachig und allen Betrug durchschauend herausstellen werde; auch diese Pointe wurde freilich ausgelassen.

Mittwoch, 30. September 2026

Theaterkritik: „1984“ im Theater Spielraum

Es ist traurig und nutzlos, wenn man ins Theater geht und mit der Bestätigung dessen wieder herauskommt, was man schon vorher wusste. Die Aufführung von „1984“ im Theater Spielraum in Wien bestätigte mich darin, dass „Bühnenfassungen“ der Komplexität guter Romane auch nicht annähernd gerecht werden können und, wenn nicht unwahrscheinliche Glücksfälle eintreten oder gewaltiges dramaturgisches Geschick beim Einsatz außerordentlicher Mittel alles herausreißt, als eigenständiges Kunstwerk scheitern müssen.
Spielt lieber Theaterstücke, fordere ich seit langem von den Theatern dieser Welt, es gibt unzählige davon und es werden immer noch neue geschrieben, und lasst die Finger von den Romanen. Denn was immer euch davon versprecht, ihr tut weder dem verwursteten Werk noch eure Kunst einen Dienst damit.
Leider behielt ich Recht. Ein ausschnitthaftes Textaufsagen und eine Verdünnung und Simplifizierung der Vorlage, das formbedingte Weglassenmüssen von Differenzierung, Anschaulichkeit, Reflexion unterbot die reichhaltige Ästhetik einer narrativen Prosa, die auf der Bühne nun einmal nicht imitiert werden kann.
Nicht, dass man sich im Theater Spielraum keine Mühe gegeben hätte. Da war viel Leidenschaft dabei und hin und wieder sogar ein bisschen schauspielerisches Können. Das klingt vielleicht gemein, aber wem wäre damit geholfen, wenn man Spielfreude als Darstellungskunst ausgäbe? Zumal jungen Leute durchaus das Recht, vielleicht sogar die Pflicht haben, sich im Off-Off-Theater auszuprobieren und sich so auf bedeutendere Bühnenleistungen vorzubereiten.
Nicht das aber störte mich am Gebotenen, dass es wie gutes Schülertheater wirkte, dass der Bühnenraum lieblos und die Kostümierung scheußlich war, sondern vor allem die Gewalt, die man dem zu Grunde gelegten Text antat, antun musste, dessen Lektüre vor bald fünf Jahrzehnten mein Denken nachhaltig beeinflusst hat. Dabei war alles da: Unterdrückung, Überwachung, Mangel. Lüge, Hass, Umfälschen der Vergangenheit, Sehnsucht, Denunziation, Folter, Kapitulation. Das wurde alles vorgeführt, geradezu vorgetanzt und vorrezitiert, nur eben ohne die Anschaulichkeit und reflexive Intensität des Romans. Wer diesen nicht gelesen hatte, blieb ohne Angebote für die Einbildungskraft, wer ihn gelesen hatte, musste seine Bilder wohl von dort beziehen, und wer ihn hinterher erst lesen wird, darf das „Stück“ getrost vergessen.
Nein, ich meine nicht, dass man es besser machen kann, als es im Theater Spielraum gemacht wurde. Ich meine, dass man es überhaupt lassen sollte. „Romane lesen, Dramen spielen“, sollte die Devise sein. Damit wäre allen geholfen. Besonders mir. Ich wäre so gern eines Besseren belehrt worden. Leider wurde nichts daraus.

Maschinell fabrizierte Belletristik

Mir als jemandem, der den zeitgenössischen Literaturbetrieb verabscheut, könnte es egal sein, dass man dort heutzutage mehr oder minder bereit zu sein scheint, vor der Maschine zu kapitulieren, oder es könnte mich boshafterweise sogar freuen. Aber ich sehe diesen selbstverschuldeten Niedergang in einem größeren Zusammenhang, und der ist noch übler als das, was dort üblicherweise so zusammengeschrieben wird.
Dass Maschinen darauf programmiert werden, belletristische Texte zu verfassen, ist keine neue Idee; mir ist sie zum ersten Mal in George Orwells Roman „1984“ begegnet, in dem auf diese Weise das billige Lesefutter für die dumpf-glücklichen Massen produziert wird. Kaleidoskopartig werden dort Handlungsstränge der Geschichten rekombiniert und dann wohl mit passenden Figuren und abgestimmtem Erzählstoff ausgefüllt. Als Orwell das skizzierte, war es technisch vermutlich Zukunftsmusik, von der Sache her aber entsprach es ganz der Realität der Massenproduktion der Groschenhefte.
Die geradezu mechanische Fabrizierbarkeit von gehaltvollen Texten ist ein Effekt der Buchstabenschrift. Deren Elemente sind in einer endlich großen Zahl rekombinierbar, von denen selbstverständlich nur eine viel kleinere Anzahl als sinnvolle Wörter, Sätze, Texte gelesen werden. (Auch syllabische und ideographische Schriften sind, ausreichend riesige Datensätze vorausgesetzt, schematisch reproduzierbar, aber ihre Verknüpfungsregeln sind andere.) Wird Sprache als etwas zu Verschriftlichendes oder gar immer schon schon Verschriftlichtes konzipiert, wird sie zum Ding und hat also messbare Quantitäten. Diese und erst sekundär irgendwelche Sinneffekte, gilt es zu regulieren.
Das Sprache-ist-Schrift-Konzept hat folgerichtig zum Denkbild von den sehr, sehr vielen Affen geführt, die sehr, sehr lange willkürlich auf Schreibmaschinen herumtippen und dabei, wenn es nur lange genug (nämlich nahezu unendlich lang) dauerte und Papier und Tintenbänder nicht ausgingen, irgendwann sämtliche möglichen Texte herstellten, Shakespeares Werke und die Bibel miteinbegriffen. Die Affen wüssten selbstverständlich nichts davon, was in den Texte stände, und die Entstehung der Werke wäre bloßer Zufall.
Heutige Großrechner benötigen keine Affen (es wären denn ihre Macher und Bediener welche), sie tippen sozusagen innerlich selbst, und die Willkürlichkeit der Buchstabenkombinationen wird vorab durch statistische Gewichtungen und ermittelte Muster eingeschränkt; Bedeutung hat demnach, was häufig und in wiederkehrenden Verbindungen vorkommt und zwar in unvorstellbar großen Textmengen, die dafür ausgewertet werden.
Während die automatische Erzeugung von Texten, die geschäftliche und wissensvermittelnde Funktion haben, inzwischen eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz findet ― die einen bestehen ohnehin fast nur aus „Textbausteinen“, die anderen suchen und erfinden bereits vorkommende Aussagen über Tatsachen ―, trifft die Erzeugung belletristischer Texte derzeit noch auf eine gewisse Skepsis und erweckt bei manchen ein unbestimmtes Unbehagen, während andere sich schon mit Feuereifer beim „Schreiben“ ihrer Werke „helfen“ lassen. Schäne Literatur hat anscheinend noch eine Rest-Aura, die im Spannungsverhältnis zur gedankenlosen Statistik und Kombinatorik der Maschinen zu stehen scheint. Kreativität, subjektive Empfindung und persönliche Einsicht gelten manchen noch als unverzichtbare Quellen des anspruchsvollen Schreibens. Andere sind bereits damit zufrieden, sich als bloße Auftraggeber und Verbesserer des von den Roboter lesefertig Formulierten zu konzipieren.
Dass „Künstliche Intelligenz“ als Mittel eingesetzt wird, um belletristische Texte zu verfertigen, wirft für viele viele Fragen auf: Wie ist die Qualität dieser Texte? Was ist mit dem Urheberrecht? Worin besteht da noch die kreative Leistung? Usw.
Ich frage mich noch etwas anderes: Warum macht das überhaupt jemand? Gewiss gibt es Leute, die einen ökonomischen Zwang unterliegen, literarische Produkte in den Markt einzuspeisen, weil sie sich auf einen Lebensentwurf eingelassen haben, in dem sie durch Schreiben das nötige Geld verdienen. Aber auch für sie gilt doch hoffentlich, was für alle gilt, die als Schreibende leben: Man schreibt, weil man das will. Weil das Schreiben eine Existenzform ist. Eine Reihe von Akten, mit denen man sein Weltverhältnis gestaltet. Etwas sentimental formuliert: Schreibend drückt man sich aus, arbeitete sich an Erinnertem und Geahntem, Gewünschtem und Befürchteten ab. Wer schreibt, will schreiben, fühlt das Bedürfnis, es zu tun, will die Lust des Formens und Umformens erleben und weiß, dass das Ausbleiben dieser Lust ebenfalls etwas über ihn sagt, worauf er hören sollte.
Wie kann jemand, der seinen Lebensinhalt in kreativem Umgang mit Sprache sieht, diese existenziellen Ereignisse an eine Maschine delegieren wollen? Dass ist doch, als hätte man nicht selbst Sex mit jemandem, sondern steckte ihm einen Roboter ins Bett, der einem mit der Mühe der Fremdbefriedigung auch noch den eigenen Orgasmus abnähme …
Und doch gibt es anscheinend Schriftsteller, die genau das tun. Die die künstliche Texterzeugung als „Hilfsmittel“ verwenden, wie sie sagen; oder gleich den ganzen Text nicht selber schreiben, sondern nur einen für sie herbeigerechneten „überarbeiten“. Was ist das für ein Selbstverständnis? Warum stört und zerstört diese Ersetzung des Menschlichen durch das Maschinelle nicht das Selbstverständnis dieser Leute?
Jahrzehntelang hat man dem interessierten Publikum eingeredet, es sei die Sprache selbst, die spreche, das Subjekt sei nur ein Effekt der Texte, und niemand brauche es zu kümmern, wer überhaupt spreche. Das war immer schon falsch, aber verständlich, weil es die die Erfahrung der Fremdheit und Verdinglichung in der industriellen Moderne artikulierte. Doch auch solche Diskurse wurden noch von Hand geschrieben oder getippt. Dass Maschinen die Diskursivität als rein quantitative Simulation erzeugen würden, war damals für fast alle noch dystopische oder techno-euphorische Phantasie. Dass der Automatismus heute Realität ist, macht die Sache nicht unverständlicher.
Wenn ein Schüler den ihm abgeforderten Aufsatz oder das Referat nicht selbst verfasst, sondern diese Arbeit von einem Programm erledigen lässt, so wird man dies nicht deshalb kritisieren, weil der präsentierte Text schlechter ist, als einer, den der Schüler mühevoll erarbeitet hätte, im Gegenteil, das Maschinen-Werk kann und wird besser sein als das, was das Kind oder der Jugendliche alleine zu Stande bekommen hätte. Was man zu Recht kritisiert ist vielmehr, dass der Schüler, die Leistung nicht erbracht hat, die man ihm deshalb abverlangte, damit er, sie erbringend, dabei etwas lerne. Der sich der „künstlichen Intelligenz“ bedienende Schüler hat in der Sache nicht gelernt und sich der Übung in ihrer Darstellung entzogen. Er hatc sich fürs Dummbleiben entschieden und das Hilfsmittel gefunden, das ihm das erlaubt. ― Keine Frage, Rechner etwas errechnen zu lassen, kann das Leben leichter machen. Aber gar nicht erst selbst rechnen zu lernen, weil man ohnehin Zugang zu Rechnern hat, bedeutet Verdummung und Unfreiheit.
Menschen schreiben Belletristik, weil das Gestalten als solches ihrem Wesen entspricht. Ob Materie oder Sprache: Dem, was man macht, eine Form zu geben, die über Funktionalität hinausstrebt, ist Kernbestand der Humanität. Manche sind dabei zugegebenermaßen kreativer als andere, einige sind bedürftiger als andere, sich des Gestaltens als Lebensmittels zu bedienen. Ein solches Bedürfnis verträgt sich nun allerdings überhaupt nicht mit der Auslagerung an Automaten. Nicht, weil diese nicht aus ungeheuren Datensätzen neue, wie Geschriebenes wirkende Buchstabenkombinationen hervorbringen könnten, das könnten sie offensichtlich. Sondern aus einem banalen Grund: Weil Maschinen nicht lieben und hassen, weder Freude noch Angst kennen, keine Gefühle, kein Begehren, keine Lust haben. Weil literarische Texte gelesen werden nicht bloß wegen dem, was darinsteht, sondern weil sie von anderen Menschen stammen und, pathetisch gesagt, ein Seele sich bei einer anderen wiederfinden will.
Nun gebe ich zu (oder behaupte vielmehr), dass schon ganz ohne KI viel Geschriebenes , dass der Markt vertreibt, ganz nach den (von Verlagen anhand von Verkaufszahlen definierten) anspruchslosen Erwartungen des Publikums gemodelt ist. Literatur als existentzielle Abweichung, als nicht geschickt inszenierter, sondern unabgesicherter Bruch mit dem Bestehenden und Vorhersagbaren wäre, kommt nicht oder nur in Nischen vor. Dem Erwartbaren eilt die simulatorische Texterzeugung entgegen. Der Krimi oder die Liebesschmonzette oder der Fantasyquatsch sind schon immer der Form nach auf genretypische Muster angelegt, die von Maschinen noch leichter zu imitieren sind als von menschlichen Autorinnen und Autoren. Für andere Genres gilt Entsprechendes. Aber kann die Massenware für Zerstreuungswillige das Modell für Literatur überhaupt sein?
Manche meinen, „kreatives Schreiben“ sei lehrbar, ein Handwerk des Spannungsaufbaus und der Figurencharakterisierung. Das ist zweifellos der Fall, und so gekonnt und langweilig ist das Zeug dann auch. (Langweilig für solche wie mich, für die seit jeher Spannung nur ein durchschaubarer Trick ist, Affekte durch Ignoranz zu manipulieren; daraus lernt man jedenfalls nichts über das, was ist.) Das Konzept und die Praxis, dass Schreiben nur ein Metier und keine Existenzform ist, begünstigt die Maschinisierung auch dieser Aktivität. Der Fortschritt (Verfall) kennt kein Halten, wenn damit Geld zu machen ist. Für die „Ingenieure der Seele“ (wie Stalin die Schriftsteller nannte), sind Texterzeugungsprogramme ideale Produktionsmittel. Es stellt sich freilich die Frage: Verfügen jene über diese oder umgekehrt? Und wenn das die schöne neue Welt der Literatur ist, frage ich mich: Wer will das?

Sonntag, 27. September 2026

Der Staat muss weg

In der BRD findet gerade wieder das große mediale Schmierentheater der Ablenkung vom Wesentlichen statt: Wird Kanzler Merz stürzen oder gestürzt werden? Bringt er sein neoliberales „Reformpaket“ unaufgeschnürt durch oder kann die SPD, die schon alles mitbeschlossen hat, doch noch ein bisschen Umverpackung erbetteln? Welche Kasper werden Berlin regieren? Ist „unsere“ Demokratie in Gefahr, weil die Leute wählen, was sie wollen (was erstaunlich oft Quasinazismus ist)? Oder bringt die „Künstliche Intelligenz“ ohnehin alle um, bevor es ganz schlecht ausgeht?
Über solche Themen kann man ganz wunderbar Bildschirme volltippen und Quasselsendungen vollquatschen, das Schöne an ihnen ist: Sie sind kontrovers, es kommt nichts dabei heraus und man braucht nicht über das nachzudenken, was eigentlich los ist.
Selbstverständlich gibt es unfähigere und kompetentere, bösartigere und wohlwollendere Regierungen. Es ist, um ein Bild zu wählen, ein Unterschied zwischen Trump und Mamdani. Und auf das Leben der Leute mag diese oder jene Gubernanz unterschiedlich erfreuliche oder unerfreuliche Effekte haben. Darüber kann man reden. Aber zum Beispiel nicht sinnvoll darüber, dass zu wenig Geld da ist, weil die Menschen immer älter werden ― das Geld muss da sein, sonst gäbe es nicht immer mehr Millionäre und Milliardäre; Sozialabbau („Reformen“ genannt) bringt kaum Geld in die Kassen, leert aber die Geldbörsen. Keine Thema fürs mediale Spektakel.
Statt sich an die Realität zu halten und Strukturen zu bedenken, wird spekuliert und personalisiert. Merz muss weg? Meinetwegen. Aber welcher neoliberale Lemur auch immer nach ihm kommt, der muss auch weg. Der Staat muss weg. Dessen Sinn und Zweck ist ja lediglich, die Reichen ungestört reicher werden zu lassen und alle anderen in Schach zu halten, während sie für andere schuften. Viele glauben ja daran, sie bestimmten irgendetwas, wenn sie wählen gingen. Können sie denn den Staat abwählen? Oder wenigstens den Sozialismus (das gesellschaftliche Eigentum an den entscheidenden Produktionsmitteln) einführen? Nein, können sie nicht. Auch Gratis-ÖPNV, bessere Schulen und günstigeres Wohnen (oder was immer man sich von der Regierung einer Pleite-Stadt erträumen möchte), machten zwar das Leben im Kapitalismus etwas angenehmer, ändert aber nichts an den ökonomischen Strukturen.
Dieser Untertanengeist, der von oben Lösungen erwartet für Probleme, die unten und im Hintergrund entstehen, ist selbst ein Problem: Bitte, Regierendem rettet uns vor uns selbst. Seid nett zu uns, dann sind wir auch brav. Wir wollen doch nur ein bisschen glücklich sein.

Samstag, 19. September 2026

Politischer Islam?

Politischer Islam? Was soll das heißen) Das soll gar nichts heißen. Das ist eine Kampfvokabel, die keinen rationalen Gehalt hat oder haben soll, sondern die nur die Funktion hat, Ressentiments anzusprechen, Unbehagen zu erzeugen, Antipathie zu wecken, Hassgefühle zu erlauben und Menschen abzuwerten.
Es ist eine gebräuchliche Vokabel. Politiker und Journalisten lieben sie und auch „Expertinnen“ und „Experten“ machen reichlich Gebrauch von ihr. Es ist eben deren Geschäft, dumm daherzureden. Ihnen allen sei gesagt: Jeder Islam ist politisch. Es gibt keinen unpolitischen Islam. Was es allerdings gibt, sind verschiedene Politiken.
Im Übrigen ist jede ernstzunehmende Religion politisch. Denn jede Religion gibt denen, die ihr anhängen, Verhaltensregeln vor, die selbstverständlich nicht nur den Umgang des Einzelnen mit höheren Mächten und sich selbst, sondern auch den Umgang mit anderen Menschen betreffen, letztlich also das Zusammenleben in konkreten gesellschaftlichen Situationen. Die Gestaltung des Zusammenlebens aber heißt Politik. Mehr ist das nicht, aber auch nicht weniger.
Politisch hätte auch das Christentum zu sein, wenn die, die sich Christen nennen, es ernst nähmen. Die Verpflichtung auf Nächstenliebe etwa ist mit Unterdrückung, Ausbeutung und Fremdenfeindlichkeit unvereinbar. Die Verwerfung von Habgier und Reichtum, ein Herzstück der Botschaft Jesu, ist unvereinbar mit Kapitalismus. Raubbau und Umweltzerstörung sind unvereinbar mit der Achtung vor Schöpfer und Schöpfung.
Wie gesagt, Religiöses ist nur gesellschaftlich wirksam, wenn die Religiösen das, was sie angeblich glauben, auch wirklich glauben und anwenden. Bei vielen ist das in der westlichen Konsumgesellschaft nicht der Fall. Dort ist Religion, falls sie überhaupt noch vorkommt, längst zu einer entkernten Folklore verkommen oder zur Sache marginaler Sektierer. (Die USA bilden da eine Ausnahme.)
Das ändert nichts daran, dass Religion prinzipiell politisch ist. Für religiös motivierte politische Intentionen gilt in Demokratien dasselbe wie für anders motivierte: Jeder darf privat machen, was nicht gegen Gesetze verstößt; anderen kann er nur etwas vorschreiben, wenn er das im Rahmen der politischen Institutionen durchsetzen kann. Welche Religion (außer dem Calvinismus in den USA) erlebt im Westen irgendwelche Machtansprüche oder organisiert sich, um solche durch Wahlen und Abstimmungen durchzusetzen? Keine. Und wenn es anders wäre, wer dürfte dem wehren? Oder darf man etwa nur atheistische Überzeugungen in die Politik einbringen? Keineswegs.
Muslime haben in einer pluralistischen Gesellschaft dasselbe Recht, ihre Religion ernstzunehmen und aus ihren religiösen Überzeugungen abgeleitete politische Vorstellungen und Absichten zu haben wie die Anhänger andere Religionen (einschließlich der Atheismen) auch. Man muss den Islam und das, was für dessen Normen und Werte gehalten wird, nicht billigen oder mögen, ebenso wenig wie den Buddhismus, den Konfuzianismus, den Calvinismus oder das Christentum, aber es gibt keinen rationalen Grund, einer Religion das Recht, politisch zu sein, abzusprechen, wenn man es anderen zugesteht. Wenn keine Gesetze (die übrigens veränderlich sind) verletzt werden, darf sich der Staat nicht anmaßen, Gesinnungen zu beurteilen. Und schon gar nicht dürfen Politiker Gefährdungen herbeiphantasieren, wo keine sind.
Denn wen bedroht denn der „politische Islam“? Gewiss, es gibt Weltgegenden, in denen repressive Regierungen und militante zivilgesellschaftliche Bewegungen sich auf den Islam berufen. In Kriegen und Bürgerkriegen führt das zu Mord und Zerstörung. In Europa (oder Nordamerika) aber ist kein Staat und keine Terroristentruppen auf dem Vormarsch, um irgendwen zu erobern. Es gibt einige wenige Anschläge, aber im Verhältnis zur Gesamtzahl der Muslime (in Europa und weltweit) ist die Zahl der Terroristen unbedeutend.
Niemand zwingt in Europa irgendwem den Islam mit Gewalt auf, auch freiwillige Übertritte sind extrem selten. Wenn dein Nachbar fünfmal am Tag Richtung Mekka betet, zwingt dich das nicht, dasselbe zu tun. Wenn dein Nachbar möchte, dass alle Muslime werden, sagst du „Nein, danke“, und die Sache ist erledigt. Worin besteht denn für dich die Bedrohung durch religiöse Praktiken und politische Überzeugungen? Wer kann dich zu etwas zwingen? Eigentlich nur der Staat …
„Islamistischer“ Terrorismus schadet der Sache des Islam. Er überzeugt niemanden, führt niemanden zum Glauben, bewirkt keine Sympathie und keinen Respekt. Es profitieren nur die Rassisten und Populisten. Die immer einen Popanz brauchen, mit dem sie die Leute verdummen, ein Feindbild, auf dass sie die Ressentiments konzentrieren können. Statt vom Kapitalismus, von Ausbeutung, Umweltzerstörung, Verblödung zu reden, schieben sie alles auf „die Ausländer“, vorzugsweise auf Muslime. Die einen finsteren Masterplan im Herzen tragen, den „politischen Islam“, mit dem sie unsere schönen Gewohnheiten und Gewissheiten beiseite schieben und uns knechten wollen. Wenn das „politischer Islam“ sein soll, muss man sagen: Der existiert nicht.

Donnerstag, 17. September 2026

Selbstmord als Verbrechen

Die Menschen sind längst dazu gebracht worden, sich selbst als Verfügungsmasse zu betrachten. Das ist eine Folge ihres Konsumismus. Sie haben es nicht bei besonderer Kleidung und Schmuck belassen, sondern sind zu tattoos und piercings übergegangen. Und zu plastischer Chirurgie. Wem alles Ware ist, nach der er verlangen und die er kaufen soll, der verschont auch den eigenen Körper nicht. Und wie man eine Wohnung, wenn man kann, nach der jeweiligen Mode einrichtet und dekoriert, so gestaltet man eben auch sich selbst. Man ist sich ein Ding unter Dingen, der eigene lebendige Körper nichts anderes als etwas, worüber man frei verfügt und mit dem man nach (vorgegebenem) Belieben umgehen kann.
Man hält das für Selbstbestimmung. Das ist ein Missverständnis. Selbstbestimmung bedeutet, dass man über die eigenen Angelegenheiten bestimmen kann, im Rahmen des Möglichen, Sinnvollen, Anständigen, Verantwortbaren. Es bedeutet nicht, dass man sich mit sich selbst machen kann, was man will. Man ist keine Sache, sondern eine Person, keine Angelegenheit, sondern ein Mensch.
Insbesondere die Rede vom Selbstmord als einem Akt der Selbstbestimmung ist Unsinn. Sich frei für die Unfreiheit zu entscheiden (denn der Tote entscheidet nichts mehr), ist widersinnig und widerspricht sich selbst.
Das angebliche „selbstbestimmte Sterben“ ist nichts als ein verantwortungsloser Mord an sich selbst. Denn wer könnte denn die Folgen seiner Entscheidung verantworten und vor wem? Auf Erden niemand vor niemandem, denn er ist ja tot.
Der eigene Leib, wie auch immer beschaffen, ist ein Geschenk, aber kein Eigentum. Man kann (oder darf) ihn ja auch nicht verkaufen. Wer entstellt, behindert, krank ist, mag das Recht haben, nach Eingriffen der Abhilfe zu verlangen. Den Körper aus Jux und Dollerei zu verwursten, steht niemandem zu.
Kein Mensch hat über seine Zeugung und seine Geburt entschieden. Welches „Recht“ sollte er plötzlich haben, über sein Sterben zu entscheiden? Dass man sich gegen den Tod (das Getötetwerden, das Sterben an einer Krankheit) wehrt, ist etwas ganz anderes: Hier wird das Leben verteidigt, das ist immer gut.
Selbsttötung hingegen ist immer schlecht, ein Akt der Hybris, der Selbstüberschätzung, der mangelnden Demut und fehlenden Bereitschaft, die eigene Endlichkeit anzunehmen. Man will Herr des Verfahrens sein, wo man nicht zum Richter bestellt und gar kein Verfahren anhängig ist. Gewiss, Verfall, Schmerz, Erniedrigung sind unerfreuliche Erfahrungen. Sie gehören jedoch zum Leben dazu. Nicht so der Tod. Der ist dessen Ende. Linderungen sind wünschenswert, erlaubt und geboten, nicht aber die Auslöschung. Die lindert nichts, sie verdammt.
Der Tod ist gewiss, aber nicht, wann er kommt. Ihn willkürlich herbeizuführen, ist Verrat am Leben, an der Freiheit und an sich selbst. Selbstmord ist ein Verbrechen und muss geächtet bleiben.

Dienstag, 15. September 2026

Bemerkungen über Rassismus

Wenn jemand jemanden einen Neger nennt, so wird man dies als rassistisch zurückweisen. Warum? Weil, so dürfte gesagt werden, „Neger“ (auch „das N-Wort“ genannt) ein rassistischer Ausdruck ist. Das allerdings stellt eine zirkuläre Definition dar: Zu sagen, ein rassistischer Sprachgebrauch liege vor, wenn ein rassistisches Wort gebraucht werde, heißt ja bloß, dass rassistisch ist, was rassistisch ist.
Wenn man verstehen will, was Rassismus ist (und einen Rassismus-Vorwurf nicht nur zum Zwecke der Verbesserung der eigenen Diskursposition erhebt), kommt man so nicht weiter.
Wenn man sagt, „Neger“ sei ein rassistischer Ausdruck, was meint man damit? Es scheint nicht darum zu gehen, dass eine sachliche falsche Bezeichnung verwendet wird (was übrigens auch bei „Schwarzer“ der Fall wäre; niemand ist wirklich schwarz), zumal das dann womöglich die Möglichkeit einer zutreffenden Verwendung des Wortes impliziert. Offensichtlich geht es aber nicht darum, dass jemand als „Neger“ bezeichnet wird, bei dem die Bezeichnung (weil er „Weißer“ oder „Asiate“ ist) gar nicht zutreffen kann, sondern darum, dass sie dort, wo sie in dem Sinne zutrifft, dass der Bezeichnete „schwarz“ ist (also „als schwarz gelesen wird“, wie mache gerne schreiben), nicht in der Sache, sondern wegen der Auswahl aus verschiedenen möglichen Bezeichnungen rassistisch ist.
Man könnte argumentieren, dass „Neger“ ganz einfach für sich genommen, also sozusagen begriffsgeschichtlich, eine abwertende Bezeichnung sei. Etwa so, wie „Mof“ oder „Piefke“ abwertende Bezeichnungen für Deutsche sind; allerdings käme wohl niemand auf die Idee, die Verwendung des M-Wortes oder des P-Wortes für rassistisch zu erklären, und es käme aber auch niemand auf die Idee, Nichtdeutsche als Moffen oder Piekes zu bezeichnen.
„Neger“ funktioniert anscheinend nur deshalb eine abwertende Bezeichnung für Menschen mit dunkler Haut und einer angenommenen Herkunft (der Vorfahren) „aus Afrika“, wenn sich tatsächlich dunkle Haut zu haben scheinen und ihre Herkunft irgendwie afrikanisch ist. Niemand nennt einen Eskimo oder einen Finnen einen „Neger“. Und täte er es, wer fände es rassistisch?
Die (innerhalb welcher Weltsicht auch immer) gelingende Zuordnung zu unterstellter Herkunft und gedeutetem Aussehen ist also die Grundlage, um dann gegebenenfalls eine Bezeichnung zu wählen: eine, die als zutreffend oder neutral gilt, oder eben eine, die abwertend und beleidigend ist. Doch es stellt sich eine entscheidende Frage: Ist es nicht überhaupt schon bedenklich, nur bei manchen Menschen die „Hautfarbe“ und die „Abstammung“ zu bezeichnen, bei anderen aber nicht? Einen Unterschied dort zu machen, wo es um ihn gar nicht zu gehen hat, nennt man Diskriminierung. Rassistische Diskriminierung und Rassismus sind aber nicht dasselbe.
Rassistische Diskriminierung setzt Rassismus voraus und Rassismus wird unter anderem auch mittels Diskriminierungspraktiken vollzogen. Aber sie sind nicht dasselbe, aus dem einfachen Grund, weil es auch andere Diskriminierungen als solche auf Grund von „Rasse“ gibt.
Rasse ist etwas anderes als Aussehen und etwas anderes als Herkunft. Es werden Menschen wegen ihres Aussehens abgewertet und ausgegrenzt, ohne dass angenommen wird, sie gehörten einer anderen Rasse an. Ebenso werden Menschen auf Grund ihrer Herkunft, ihres Aufenthaltsstatus oder ihrer Migrationsgeschichte diskriminiert, ohne dass jemand ihnen in jedem Fall „Fremdrassigkeit“ unterstellt. Ebenso gibt es Diskriminierungen auf Grund der Religion oder der kulturellen oder politischen Präferenzen, die unabhängig von der Zuschreibung einer „rassischen“ Zugehörigkeit stattfinden.
Rasse ist eine biologische Kategorie. Menschenrassen werden als distinkte Gruppen von mit bestimmten körperlichen Merkmalen konzipiert, die sich auch als mentale, charakterliche Besonderheiten ausdrücken und zu typischem Verhalten führen. Führen müssen, weil Biologie Schicksal ist. ― Das solche Ideologeme nicht dem Stand der wissenschaftlichen Biologie entsprechen, ist für affektive und politische Wirkung irrelevant. Wenn man denn unbedingt Biologie von Biologismus abgrenzen will, können im Falle des Rassismus von Mythobiologie sprechen.
Rassismus ist nur nicht bloß eine Aufteilung der Menschheit in Rassen, sondern vor allem die Überzeugung, dass das Zusammenkommen und Aufeinandertreffen verschiedener Rassen zu Konflikten führen muss, in denen die Verschiedenheit zu Gegensätzlichkeit wird. Die eine Rasse wird als Gefahr für die andere behauptet. Auch Vermischung, also der Verlust der „Reinheit“ ist eine solche angebliche Gefahr, weil sie letztlich die gefährdete Rasse zum Verschwinden bringt. Auf diese Weise werden gesellschaftliche Konflikte mit ihren politischen und ökonomischen Gegensätzen als „biologische“ reinterpretiert. Während aber politisch-ökonomische Konflikte im Prinzip durch rationale Ausgleich beigelegt werden könnten, kann es bei „biologischen“, also rassischen Konflikten keine friedlichen Löschungen geben. Mit einer Rasse kann man nicht diskutieren und wenn Menschen durch ihre Rasse definiert sind, können sie ihr Verhalten nicht grundsätzlich ändern. Eine Konfliktlösung kann also nur in der Unterdrückung der einen durch die anderen oder durch deren Auslöschung bestehen.
Das Gewaltsame dieses Narrativs taucht allerdings nicht erst bei der Vorstellung möglicher Lösungen auf, es ist schon im Biologismus selbst angelegt. Man kann einen Willen zur Irrationalität und Realitätsverweigerung in dem Bemühen sehen, statt die Komplexität des gesellschaftlichen Miteinander und Gegeneinander zuzugeben und zu analysieren, auf die simple Idee zu setzen, zwei (oder mehr) Arten von Menschen träten gegeneinander an und eine müsse gewinnen.
Gewaltsam ist also schon der Grundgedanke, die Deutung von Verschiedenheit als Zugehörigkeit zu einer Abstammungsgemeinschaft. Denn das ist entscheidend: Es gibt nicht erst Rassen und dann Rassismus. Vielmehr sind „Rassen“ (und Konzepte von deren verschiedener Eigenart) ein Effekt der Rassismen. Rassismus ist die wertende Einteilung in Rassen zu genau dem Zweck, die eine gegen die anderen auszuspielen. Es gib keinen Rassismus ohne das Ziel, einen Konflikt zu konstruieren zwischen „denen“ und „uns“, wobei wir die anderen loswerden (oder zumindest niederhalten) müssen, die uns bedrohen und die uns loswerden (oder niederhalten) wollen.
Darum darf Rassismus ist nicht einfach ein unaufgeklärtes Fehlverhalten missverstanden werden, als Diskriminierung. Rassismus ist eine prinzipiell mörderische Ideologie. Das Leben der anderen ist weniger wert als das Leben der eigenen Leute. Und kann darum gegebenenfalls bedenkenlos geopfert werden. Rassismus bedeutet nicht immer Massenvernichtung, er kann etwa auch in Versklavung bestehen, in der Vernutzung von als minderwertig Angesehenen zum Nutzen von als höherwertig Betrachteten.
Offensichtlich sind rassistische Denkweisen und Praktiken nicht immer derart extrem. Aber das Extreme ist in ihnen als Konsequenz angelegt. Deshalb verweist jede rassistische Diskriminierung auf Auslöschung als letztes Ziel (auch wenn zu ihr vielleicht nie kommt). Racial profiling etwa ist zwar zunächst nur eine beleidigende und ausgrenzte Behandlung durch die Polizei; aber darin steckt die Botschaft: Ihr gehört hier nicht her. Ihr sollt nicht hier sein. Und wenn ihr überhaupt nicht seid, ist es uns auch recht. Eine Gesellschaft, die racial profiling zulässt, ist rassistisch und widerspricht der von ihr auf dem Papier behaupteten Gleichheit vor dem Gesetz und dem Diskriminierungsverbot im Namen einer übergeordneten (von der Polizei und den Ängsten der Bürger definierten) „Realität“ und Erfahrung. man weiß doch, wie diese Leute sind.

Montag, 14. September 2026

Tefaukritik: „König in Gelb“

Die Furtwänglerin, nun ja. Warum die seit Jahren ausgerechnet als Schauspielerin arbeiten will, entzieht meinem Verständnis. Sie kann nichts und sieht nach nichts aus. Aber Andreas Lust! Der hat schon in mancher Rolle bewiesen, was für ein großartiger Künstler er ist. Seine Verkörperung eines dementen Ex-Ermittlers aber stellt, trotz mancher Aufgesetztheit („Ich sag's wie's ist“, schnipp, schnipp), eine beeindruckende Glanzleistung dar. Und Thomas Thieme! Von dessen Auftritt können Schauspielschüler lernen, was einfache Anwesenheit und minimale Mimik an umwerfender Wirkung haben, wenn einer weiß, was er tut. Zwei Schauspieler, die die Umsetzung des dünnen Drehbuchs zwar nicht richtig retten, aber immerhin ihr Ding machen, wiegen eine wie immer uninspiriert durchs Bild wabernde Nichtschauspielerin beinahe auf.

Grundfragen

Wie bringt man es über sich, einen Menschen leiden zu lassen? Einen Menschen oder mehrere oder viele Menschen. Hunger und Kälte, Mord und Totschlag, Entwürdigung, Entrechtung, Enteignung, Vertreibung, Verschleppung: Wie bekommt man das alles hin, wie schafft man es, die erforderliche Grausamkeit aufzubringen? Woher nimmt man die Niedertracht, es zu wollen? Woher die Gleichgültigkeit, es zuzulassen?
Mitmachen und Wegschauen, beides verlangt Stumpfsinn und Abstumpfung. Ohne einen entscheidenden Verlust (oder schon bestehenden Mangel?) an Menschlichkeit, ist derlei nicht zu machen.
Das Böse findet statt. Weil es getan wird. Es geschieht nicht einfach, es wird gemacht. Es wird angetan.
Kein Ziel und kein Zweck kann das rechtfertigen, kein Nutzen oder Gewinn. Auch der allergrößte Reichtum, die gewaltigste Macht wiegt den Verlust an Menschlichkeit nicht auf.
Das Böse ist grundlos. Es ist falsch und unvernünftig und hässlich. Was es einbringt, ist mickrig und nichts davon überdauert den eigenen Tod. (Jedes Monument für einen Herrscher ist bloß eine Mahnung, dass es keine Knechte geben soll.) Nur böse Folgen hat das Böse
Warum also tun Menschen einander so viel Schreckliches an, warum lassen sie so viel Leid zu, so viel Unrecht und Lüge? Warum benützen sie einander, statt einander mit dem zu beschenken, was sie haben und sind? Warum verweigern sie sich der Einfühlung, dem Gerechtigkeitssinn, der Gleichheit voreinander?

Bei mir ist das so (2)

„Bei mir ist das so und so“: Manche scheinen zu meinen, ihr Gegenüber an einer Art von Offenbarung teilhaben zu lassen, wenn sie es (oft ungefragt) in die Besonderheiten ihrer Gewohnheiten und Vorlieben einweihen. Sie halten ihre Macken für Charakterzüge und machen sich das Zufällige daran nicht klar; und schon gar nicht, dass derlei verschwände, wenn sie nur einmal versuchten, es anders zu halten. Es ist wohl so, dass sie ihr willkürliches Für und Wider zur Ausformung und Aufrechterhaltung ihrer „Identität“ benötigen, ihrem Selbstbild also, das sie wie eine kostbare und unveräußerliche Ware behandeln; vermutlich darum, weil es aus lauter erworbenen Versatzstücken besteht und nicht zuletzt als Konsumverhalten praktiziert wird. Wen außer ihnen aber können ihre Eigenarten (und deren Verkündigung) interessieren, wenn sie nichts anders über die Welt lehren als, dass jedes Tierchen seine Pläsierchen hat, an denen nichts bemerkenswert ist. ― Du magst keinen Fisch? Deine Armseligkeit langweilt mich.

Sonntag, 13. September 2026

Eure Demokratie hat die AfD überhaupt erst möglich gemacht

Was die Überschrift sagt, sollte man denen, die da so eifrig entrüstet für die Demokratie und gegen einen Wahlerfolg der AfD demonstrieren, in Erinnerung rufen. Eine zugelassene Partei hat in allgemeinen, freien und gleichen Wahlen eine erhebliche Zahl von Stimmen auf sich vereinigen können. Daran ist unter dem Aspekt von Demokratie und Rechtsstaat nichts einzuwenden.
Nun braucht man nicht darüber zu diskutieren, dass die AfD autoritär und illiberal ist. Aber inwiefern gefährdet sie die Demokratie? Alle ihre Vorhaben lassen sich, wenn es je darum gehen sollte, schon irgendwie mit rechtsstaatlichen Mitteln und demokratischer Zustimmung verwirklichen. Man muss nur die Gesetze entsprechend anpassen und die Grundrechte und ihren Anwendungsbereich definieren und deuten. Schon jetzt sind ja Deportationen von Nichtdeutschen mit Gewalt durchgesetzte Realität; massenhafte Remigration wäre im Prinzip nichts anderes, ob da nun deutsche Rüstungsgüter zum Einsatz kämen (woher stammen denn die Waffen der Polizei?) oder das Staatsbürgerschaftsrecht (das auch jetzt schon Ausbürgerung kennt) entsprechend reformuliert würde.
Die AfD braucht die Demokratie. Zumindest eine, die ihr nützt. Und nur ein Eingriff in die demokratischen Rechte dieser widerwärtigen Partei und ihrer bedenkenlosen Wählerinnen und Wähler kann dem einen Riegel vorschieben, dass Rechtsextreme das bestehende politische System benützen, um es sich zu Nutze zu machen.
Die Demokratie ― samt Rechtsstaat, verfassungsmäßigen Grundrechten und gesellschaftlicher Toleranz ―, für die die Gegner der AfD demonstrieren, hat die Existenz und den Aufstieg der Rechtspopulisten und Rechtsextremen möglich gemacht, gefördert (nicht zuletzt durch die Lust der öffentlich-rechtlichen Medien an zackigen Talkshowgästen und durchgelogenen Interviews) und ihren Erfolg weder verhindern können noch dürfen. Wofür die Demonstranten demonstrieren ist also nüchtern betrachtet das Problem, nicht die Lösung: Diese ganze Wählerei mit ihren Mehrheiten und Minderheiten, deren Repräsentation als Befugnis gedeutet wird, über alle zu regieren.
Und wogegen genau demonstrieren die, die das Wahlergebnis von Sachsen-Anhalt einmal mehr aufgeschreckt hat? Dagegen, dass ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger von ihrem demokratischen Wahlrecht Gebrauch gemacht haben? Dass sie falsch gewählt haben? Wer bestimmt, was richtig und falsch ist in einer Demokratie? Ist das nicht angeblich etwas, was in öffentlichen, ergebnisoffenen Debatten ausgehandelt und durch Wahlen und Mehrheitsbildungen festgestellt wird?
Oder soll denn etwa die Demokratie nur für die gelten, die nach Vorstellung von wem eigentlich Demokraten sind? Sollen Parteien, die nicht verboten sind, ausgeschlossen werden vom politischen Wettbewerb, weil sie das gute Gewissen stören mit ihrer Hetze und ihren Gewaltphantasien, mit ihrer Lust an Ausgrenzung und Verbot? Sollen gar Wähler ausgeschlossen werden, deren Weltbild oder deren Frust und Laune nicht ins Weltbild der Aufgeklärten passen und deren Ressentiments nicht zum politischen Einrichtungsstil derer stimmen, deren Geschmack am Gewohnten, Vertrauten, Ungestörten und Behaglichen trainiert ist?
Ja, der Rechtspopulismus ist vulgär, hässlich, dumm, verlogen, gefährlich und destruktiv. Man soll und darf ihn bekämpfen. Aber dann muss man auch zugeben, dass man um seines eigenen Verständnis von Toleranz willen intolerant sein will und die Demokratie als solche um der eigenen Vorstellung von Demokratie willen einschränken möchte. Sonst ist der Antirechtspopulismus nur ein verdächtig symmetrischer Reflex des Rechtspopulismus. Gebt doch zu, dass ihr die Wahrheit gepachtet habt und sie durchsetzen wollt. Auch wenn ihr vielleicht nicht wisst, worin sie, vom Dagegensein abgesehen, bestehen soll.
Und noch eines: Wofür und gegen wen da demonstriert wird, ist eine Sache. Eine andere die Frage: Was soll es bringen? Wird die Demokratie gerettet, wenn man für sie auf die Straße geht? In Belarus, Saudi-Arabien oder Eritrea vielleicht (wo sie freilich nicht gerettet, sondern eingeführt werden müsste), aber in der BRD? Wird sich die AfD bekehren, vom Rassismus und Autoritarismus ablassen, gar sich auflösen, weil ihre Nichtwähler gegen sie demonstrieren? Werden die, die, warum auch immer ― und nein: es gibt keine guten Gründe ― bei der AfD ihr Kreuz gemacht haben und das in Zukunft tun wollen, sich von Aufmärschen, Transparente, Sprechchören und Sonntagsreden von ihrem unerfreulichen Verhalten abbringen lassen?
Nein. Die Demos haben keinerlei Auswirkung auf die Politik und sind reine Selbstbefriedigungsaktionen besorgter und empörter Bürgerinnen und Bürger.
Wer gegen die AfD ist, braucht sie ja nicht zu wählen. Wer nicht will, dass andere sie wählen, sollte angeben können, was stattdessen passieren soll. Und da kommt leider eine besonders unschöne Wahrheit zum Vorschein: Wenn eure ach so bewahrens- und rettenswerte Demokratie dazu führt, dass ihr von Merz und Klingbeil/Bas regiert werden, dann fragt man sich schon, wem oder was da eure Leidenschaft gilt. Es ist hochanständig, gegen Brunnenvergifter und Brandstifter zu demonstrieren, aber damit im Grunde für die Brunnentaustrockner und Brandschutzverhinderer einzutreten, ist auch ein bisschen doof, meint ihr nicht?

Samstag, 12. September 2026

Bei mir ist das so (1)

Ich verstehe das alles nicht. Das gestehe ich mir immer wieder ein. Ich verstehe nicht deshalb nichts, weil ich dumm wäre und nicht das eine oder andere gelernt hätte, sondern weil es mir trotz Scharfsinn und allerhand Bildung nie gelungen ist, bis zu dem vorzudringen, wo für andere vermutlich das Unbefragte, das Selbstverständliche besteht. Wie jeder andere auch muss ich mir meine Begriffe zurechtlegen, um auch nur ansatzweise irgendetwas von dem erfassen zu kriegen, was ist, aber ich habe das Gefühl, das immer und immer wieder machen zu müssen, jedes einzelne Mal, während andere sich beständig in einer ungezwungenen Zwangsläufigkeit des Denkens und Sprechens bewegen, einem gesicherten Gefüge aus Meinungen, Auffassungen, Benennungen, Folgerungen, Wertungen usw., das einfach nicht meines ist. Als müsste ich bei jeder Gelegenheit aus einem verlorenen (oder nie existiert habenden) Original übersetzen, während andere munter drauflosschnattern, wie ihnen die Schnäbel gewachsen sind. Darum verstehe ich das alles nicht. Ich versuche, es mir irgendwie zu deuten, und habe womöglich einige Übung darin, da ich es lange genug machen muss, aber wen könnte ich fragen, ob meine Deutungen stimmen? Jede Antwort wäre wieder ein Rätsel, nicht immer ein schweres, aber doch jedes eine Herausforderung. Das geht, wie gesagt, schon lange so, seit jeher. Wenn ich je die Erwartung hegte, es könne je anders werden, ist die längst verschwunden. Ebenso wie die Hoffnung, ich könnte mich meinerseits gelegentlich verständlich machen. Was für eine absurde Vorstellung!

Mittwoch, 9. September 2026

Identität und Staat

Der Staat verlangt, dass ich eine Identität habe und sie ihm und seinen Avataren (Versicherungen, Telephonanbietern, Banken usw. usf.) jederzeit nachweisen kann. Ich muss zeitlebens ein und derselbe bleiben, weil der Staat jederzeita uf genau mich Zugriff haben will. Mein Name, mein Geburtsdatum, mein Geschlecht, mein Geburtsort, meine Eltern, mein Fingerabdruck und andere biometrische Daten, meine DNS gehören nicht mir, sondern meinem Herrn, dem Staat, und dürfen nicht geändert werden. (Nur Name und Geschlecht nach bestimmten Regeln.) Auch meine Geschichte, meine Zeugnisse, Dokumente, Befunde, Registriertheiten nicht. Ich habe identifizierbar zu sein und zu bleiben.
Früher wussten die Leute oft nicht, wann sie geboren worden waren, oft nicht einmal das Jahr. In manchen Weltgegenden, in denen der Staat sich noch nicht voll durchgesetzt hat, ist das immer noch so. Auch war früher den Menschen klar, dass ein Name etwas Gegebenes ist, das sich je nach persönlichem Verhalten und sozialem Kontext im Laufe eines Lebens auch ändern kann. (Von schreibweisenvarianten gar nicht zu reden.) Für moderne Menschen hat der Name eine Identifizierungsmerkmal zu sein und wird in einem Verwaltungsakt festgeschrieben.
Heutige Menschen haben gelernt, ihre „Identität“ wichtig zu nehmen und spielen so dem Staat in die Hände. Dabei gehen sie noch über ihre staatlich garantierten Daten hinaus und lassen sich nationale, ethnische, kulturelle, religiöse, weltanschauliche „Identitäten“ zuschreiben und ordnen sich Konsumstilen zu. Sie tun so, als würden sie durch ihre Vorlieben bei Mode und Ernährung, Freizeitvergnügen und Sexpraktiken definiert.
Daran ist nichts Selbstverständliches.
Was geht es den Staat an, wer ich bin, wenn es nicht darum geht, dass ich ihm gegenüber schon vor meiner Geburt verpflichtet bin? Aber warum sollte das so sein? Wer hat den Staat in seine Rechte eingesetzt, ihm ein Recht auf mich eingeräumt? Von wegen „Gesellschaftsvertrag“ und „mündiger Bürger“! Ich habe in nichts eingewilligt und musste das auch nicht, denn der Staat setzt sich als ursprüngliche, naturidentische Gegebenheit, die über mich verfügen darf. Letztlich mit Gewalt.
Der Staat zählt seine Untertanen und nummeriert sie durch. Zwar interessieren sie ihn zum Teil nur als Masse und Quantität. Er forciert aber doch das Individuum als Ansatzpunkt seiner Steuerungsmaßnahmen. Deshalb darf es niemandem freistehen, je nach Wunsch ein anderer zu sein, mal so, mal so zu heißen, sein Alter nach Belieben zu bestimmen, keine Spuren zu hinterlassen und seine Geschichte nicht dem herrschenden Narrativ anzupassen. Man muss gefälligst man selbst bleiben, nach den Kriterien, die von oben festgelegt wurden. „Selbstbestimmung“ (als Recht auf en vorgestanztes Konsumverhalten) ist nur auf dieser Grundlage erlaubt.
In Wahrheit aber gilt: Nicht meine Identität macht mich aus, sondern mein Dasein. Ich verändere mich. Jeden Tag. Ich bin verschiedenen Menschen bei verschiedenen Gelegenheiten ein anderer. Ich bin mir selbst zuweilen fremd. Mein Name ist Schall und Rauch.

„Künstliche Intelligenz“ als Zwangsimpfung

Wenn ich nichts übersehe, ist das, was man verblödeterweise „Künstliche Intelligenz“ nennt, die erste Technologie in der Geschichte der Menschheit, der man sich nicht entziehen können soll und praktisch nicht entziehen kann, wenn man auf normale Weise am gesellschaftlichen Leben dieser Zivilisation teilnimmt.
Man konnte sich einst womöglich weigern, Feuer zu machen und sich und Dinge am Feuer zu wärmen. Dann aß man seine Wurzelsuppe und seinen Mammutbraten eben kalt. Man konnte den Faustkeil verweigern, das Rad, die Bronze, die Wasserkraft. Man konnte weiterhin das benützen, was bisher benützt worden war, und selten wurde jemand gezwungen, es anders zu halten.
Man konnte, um die Erzählung etwas voranzutreiben, das Wasserklosett verweigern, den Staubsauger, den Kühlschrank, ja den elektrischen Strom überhaupt. Und es war nie so, dass in einen Besen heimlich ein Staubsauger eingebaut war und man beim Gebrauch eines Plumpsklos (oder beim Scheißen im Wald) auch ungefragt mit den Ergebnissen einer Wasserspülung konfrontiert wurde.
Man konnte sogar das Automobil und zuletzt das Mobiltelephon verweigern, obwohl viele Leute das ganz und gar nicht wollten und sich eher freudig von diesen Technologien anhängig machten: lebenspraktisch und psychisch. Ohne Pkw könnten viele nicht zur Arbeit, zur Schule, zum Einkaufen, zum Freizeitvergnügen und das geht ja nicht. Auch der Staat verlangt inzwischen, dass man internetfähige Geräte habe, weil seine Behörden und deren erwünschte oder aufgezwungene Dienstleistungen gar nicht mehr anders zu erreichen sind.
Und doch: Man könnte sich dem allen auch immer noch im großen Stil verweigern, Ersatz gebrauchen und sich gewissen Zwängen und Freuden entziehen. Zum Beispiel: „Handy“ ja, aber kein Auto, Kühlschrank ja, aber kein Internetbanking und kein Fernseher, Zugreisen ja, aber keine Flugreisen. Nur dass dann eben die normale Teilhabe eines durchschnittlichen Insassen der Industriezivilisation mühevoll wird, eingeschränkt sein wird und einen an den Rand des Wahnsinns bringen kann (wenn jedes Gegenüber uneinsichtig ist). Aussteiger gibt es. Normal sind sie wohl nicht.
Viele Technologien der letzten Dezennien traten als eine Art von Spielzeug in das Leben der Menschen. Niemand brauchte damals ein „Smartphone“, aber fast jeder wollte eines haben, weil es Spaß machte, damit herumzufummeln. Bis vor kurzem kam man auch ganz gut durchs Leben, ohne so ein Ding (nur dass, wie gesagt, zuletzt bestimmte Behördenwege usw. den Besitz erzwingen). Dann verzichtete man eben auf Spaß und Dauerkommunikation.
Auch die „Künstliche Intelligenz“ braucht heutzutage niemand und für viele war sie zunächst ein Spielzeug. Mal schauen, was so ein „Chatbot“ wirklich kann. Sehr rasch aber wurde ein Werkzeug daraus. Ein wirtschaftliches Versprechen. Eine Drohung.
Es werde bald schon nicht mehr ohne „Künstliche Intelligenz“ gehen, verkünden die, die immer alles wissen, mit ihren Prognosen fast immer falsch liegen, aber mit ihren willkürlichen Ankündigungen viel Geld verdienen wollen und dann schon wieder auf einen anderen Zug aufgesprungen sein werden, wenn die Tatsachen sie widerlegt haben werden.
Leider könnte diesmal an den Vorhersagen von erzwungener Notwendigkeit und unvermeidlicher Abhängigkeit etwas dran sein. Mächtige Profitinteressen stehen dahinter und wollen erreichen, dass der Einsatz von „Künstlicher Intelligenz“ auch dort stattfindet, wo niemand danach gefragt hat; ein impliziter Gebrauch sozusagen. „Künstliche Intelligenz“ wird überall eingebaut, wo es nur geht, und auch wer der Technologie kritisch gegenübersteht ― etwa wegen ihrer Überwachungsfunktion, ihrem enormen Ressourcenverbrauch oder auch schlicht ihrer Blödheit ― wird zwangsweise zum Benutzer degradiert.
Wobei es hypermoderne Technologien ja auszeichnet, dass der Benutzer, als zahlender „Kunde“, als in Abhängigkeit gebrachter Konsument und als Opfer (etwa des Zeit- und Datenklaus), ein Benützter ist. Die Maschinen werden bedient: Je mehr die Menschen sich ihrer bedienen, desto mehr bedienen sich die Menschen (und die Eigentümer dieser Produktionsmittel) der Menschen.
Dass man sich der „Künstlichen Intelligenz“ nur unter Schwierigkeiten und auch dann nicht entziehen kann, wenn man das eigentlich möchte, sondern dass sie einem zwangsweise und zum angeblichen Wohle aller verabreicht wird, erinnert an eine Zwangsimpfung. Vielleicht nicht nur metaphorisch. Das Subjekt ist nicht Herr des Verfahrens. Die Obrigkeit und die, um deretwillen die Obrigkeit existiert (die Reichen, die noch reicher werden sollen), wollen es so und wollen davon profitieren. Der Druck ist enorm. Die Zwangsmittel sind simpel. Es ist, wie es ist, und wenn du dich wehrst, machen wird dich fertig. Es tut nicht weh und ist nur zu deinem Besten. Die anderen machen auch alle brav mit.
Wichtig ist dabei, dass das Phänomen der impliziten Impfung niemandem so recht zu Bewusstsein kommt, und wo das doch geschieht, dass das folgenlos bleibt. So funktioniert der Kapitalismus: Seine Herrschaft verbirgt sich gern. Auch wenn die Folgen in Wahrheit unübersehbar sind. Das kann man aber leugnen und weginterpretieren. Zudem darf ja im liberalen System ohnehin jegliche Art von Kritik am Kapitalismus geäußert werden, sie muss nur eben folgenlos bleiben. Die große Masse muss einfach weiter stillhalten und mitmachen wollen. Dann klappt das schon mit dem Profit. Ob dann übermorgen der Kollaps kommen wird, könnte nur die interessieren, die davon betroffen sein werden. Die Superreichen sind das eher nicht.